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www.ChristianReder.net: Publikationen: Afghanistan, fragmentarisch: Vorwort
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Springer Wien New York
   

Afghanistan, fragmentarisch

Springer Wien New York 2004


VORWORT

Möglichkeiten hat es durchaus gegeben
Afghanistan 1980–2003

Überhaupt etwas zu tun zu haben, was sich in irgendeiner Weise lohnt, ist – trotz aller, vielfach höchst dramatischen Unterschiede – eine Existenzfrage, die in armen und reichen Gesellschaften und für deren Beziehungen untereinander gleichermaßen Relevanz hat. Alle Perspektiven hängen davon ab. Verbindend wirkt das deswegen noch lange nicht. Meine in diesem Band versammelten Texte berichten davon, wie dennoch mit gegenseitigen Erwartungen Transfers in Gang gesetzt wurden – als Zusammenarbeit mit kulturell ganz anders geprägten Flüchtlingen, im Gespräch über vertretene Ansichten, unter unübersichtlichen Umständen, über mehr als zwanzig Jahre hinweg.

Die Konfrontation mit der Grunderfahrung, zu den Verlierern zu gehören, blieb das „Universelle“ daran. Den weltpolitischen Hintergrund bildet der Übergang vom Kalten Krieg zur globalen Präsenz antiwestlichen Terrors. Wie folgenreich und einseitig dieser in Finalkonstellationen der Ost-West-Konfrontation gefördert wurde, dafür war und ist Afghanistan bekanntlich eine Schlüsselregion. Dort helfend einzugreifen, hatte für private Gruppierungen – auch im Rückblick auf die Kontinuitäten in diesem Desaster – etwas Absurdes an sich; dennoch wurde und wird es versucht und prägte die hier skizzierten Sichtweisen.

Um irgendwo anders existierende, inhaltlich beeindruckende Befreiungsbewegungen, die einem, und sei es als idealisierte Projektion, Halt hätten bieten können, ging es nicht mehr. An der Herstellung halbwegs erträglicher Normalität und halbwegs demokratischer Zustände mitzuwirken, musste als Richtungsangabe genügen. Zu Rückkoppelungen ist es beidseitig durchaus gekommen, irgendwie, als Impulse. Mehr zu erreichen wäre auf solchen Ebenen illusorisch gewesen. Zur Erfahrungszone für da und dort weiterhin Wahrscheinliches ist ein Miterleben solcher Zustände auch ohne übersteigerte Ansprüche geworden.

Eine Einsicht hat sich bald eingestellt: Jeder Zugang zu Afghanistan – und seinen Abhängigkeiten, seiner weiteren Entwicklung – bleibt fragmentarisch. Um ein Gesamtbild kann es nicht gehen, schon gar nicht angesichts der in den Kriegszeiten aufgebrochenen Destruktion und der Fragilität, mit der nun ein Neuanfang versucht wird. Fragmentarisch bleiben also auch die hier enthaltenen Texte dazu, für die meine Arbeit im 1980 gegründeten Österreichischen Hilfskomitee für Afghanistan / ARC Austrian Relief Committee for Afghan Refugees den Hintergrund bildet. Von den vielen hundert, streng genommen einigen zehntausend insgesamt an unseren Programmen Beteiligten würden alle ihre eigenen Versionen liefern. Manche von ihnen zu sammeln, davon ist immer wieder die Rede gewesen, dafür war aber nie genug Zeit.

Jetzt hat eine Reise nach Kabul den Anstoß gegeben, zur angelaufenen Wiederaufbauphase mit Berichten über langjährige Kooperationen einen Beitrag zu liefern – nachdem zwei Jahrzehnte auf die Beendigung des Krieges gewartet worden ist.

Eindrücke von der aktuellen Situation in der Stadt und aus den über akute Probleme und kulturelle Projekte geführten Diskussionen machen den Anfang. Für Ali Mohammed Zahma und seine Frau Zebenda Zahma, die mich, gemeinsam mit dem langjährigen Komiteemitarbeiter Nur Mohammed Safa, begleitet haben, war es, und das hat die Stimmung sehr geprägt, die erste Rückkehr nach ihrer Flucht Mitte der achtziger Jahre. Sie ist früher Krankenschwester in Kabul gewesen, er, einer der wenigen gesellschaftspolitisch engagierten Intellektuellen des Landes, die überlebt haben, Professor für afghanische Geschichte und persische Literatur. Unsere für dieses Buch zusammengefassten Gespräche verdeutlichen Denkweisen und machen Leben zugänglicher, die von westlichen Biografien dieser Generation markant abweichen. Kabul, London, Kabul, Stockholm, Kabul, Peking, wieder Kabul, Gefängnis und Folter, Budapest, Wien sind die Stationen auf diesem Weg.

Um konträr dazu der Gegenrichtung, also westlichen Sichtweisen zu folgen, sind Betrachtungen aus literarisch dokumentierten Afghanistanreisen einbezogen, von Robert Byron über Bruce Chatwin bis zu Annemarie Schwarzenbach oder Doris Lessing. Wie visuelle Eindrücke des Landes und seiner Bewohner über Jahrzehnte hinweg begeisterten, inklusive einer vom Zerfallenden bestärkten Melancholie und der Emphase für Perioden, in denen Afghanistan Inbegriff raumbezogener, anarchischer Freizügigkeit sein konnte, wird als Stimmung spürbar. Die Katastrophe selbst ist dann – scheinbar plötzlich – einfach eingetreten.

Wie von Wien aus durch eine private Initiative auf sie reagiert worden ist, wird anschließend beschrieben. Nicht als Spendenaufruf konzipiert, dürfte eine solche Darstellung deutlich machen, wie Nichtregierungsorganisationen arbeiten und welche Probleme auftreten, gerade weil die Phasen nach Abflauen der anfänglichen Medienintensität im Zentrum stehen.

Rückblickend über Anfangsstadien der größten Flüchtlingskatastrophe nach 1945 und die Transformation des Kalten Krieges in den Aufstieg militanter Islamisten nachzulesen, mit dem Wissen von heute, machen die weiteren Abschnitte möglich. Meine jeweils kurz kommentierten, aber unverändert abgedruckten, nur um manche Wiederholungen gekürzten (manche des Zusammenhangs wegen belassenen) Berichte aus dieser Zeit dokumentieren, wie die Situation ganz unmittelbar empfunden worden ist. Dass alles lange dauern würde, zeichnete sich ab. Weil wir uns entgegen journalistischer und geheimdienstlicher Gepflogenheiten nicht vor allem extremistische, am Krieg profitierende Gesprächspartner suchten, wird vielfältig unter Druck geratene „Normalität“ vermittelt. Um die verdeckt-informellen Machtsysteme von „Mullahs“ diverser Art richtig einzuschätzen, waren eigene Erfahrungen mit autoritären Situationen durchaus hilfreich.

Uns haben Möglichkeiten interessiert, und die hat es durchaus gegeben. Was dann an subversiv gefördertem Irrsinn alles eingetreten ist, überstieg selbst die Vorstellungskraft an Entsetzliches längst gewöhnter Beteiligter. Gerade jene, die unter jedem Regime verfolgt waren, selbst als Flüchtlinge noch, all die anfangs noch durchaus hoffnungsvollen, aber allein gelassenen demokratischen Kräfte, mit denen wir die Zusammenarbeit suchten, sind – heute ist das Wissen darum fast Allgemeingut – die Letzten gewesen, denen Einfluss nehmende Mächte Chancen zubilligen wollten. Derartiges zählt zu den zentralen Erfahrungen dieser Jahre. Die Plädoyers für ihre Unterstützung könnten jetzt in jede sie umwerbende Zeitung in Kabul passen.

Um gegenwärtige Vorgänge und Perspektiven mit früheren Einschätzungen in Bezug zu setzen, werden aktuelle Recherchen zur Involvierung von cia, des pakistanischen Geheimdienstes isi, von Saudi-Arabien, Ägypten, China, Israel, des Iran zusammengefasst. Wachsendes Wissen darüber macht präsent, wie verschlungen solche Prozesse ablaufen; auf amerikanischer Seite werden sie rückwirkend als erfolgreich endender Politkrimi dargestellt, der wesentlich zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen habe, (1) auf russischer Seite wird eingestanden, dass selbst eine Auswertung aller Geheimunterlagen nicht die Wahrheit ans Licht brächte, sondern bloß zusätzliche Konfusion erzeugen würde. (2)

Im humanitäre Hilfsprojekte resümierenden Aufsatz über Sozialarbeit in der Fremde werden Tendenzen zur Diskriminierung (und Überschätzung) von Nichtregierungsorganisationen kommentiert. Sie für militärische Interventionen zu instrumentalisieren, als nötiger human touch, wie diverse Hardliner es fordern, (3) forciert auch in Zonen zivilgesellschaftlichen Engagements ein simples Unterscheiden in „wir und die anderen“: Profit gegen Non-Profit, Jobdenken gegen Freiwilligkeit, Benutzbarkeit gegen Dubioses, Unberechenbares. Nicht mit Ordnungsmächten abgestimmte Solidarität soll offenbar zunehmend unverständlich werden. Vermischtes, Unklares – also auch Offenes – gilt als subversiv, macht aber gerade deswegen Hilfsprojekte zu manches verdeutlichenden Nebenschauplätzen. Erkennbar wird, inwieweit mit Geld mehr – oder eben anderes – angefangen werden kann, als normalerweise vorgesehen.

Jedenfalls: Auf Bedürfnisse, als besondere Form von „Nachfrage“, einzugehen, ergibt meist mehrschichtige „Gegengeschäfte“. Eine Seite versucht, etwas zu leisten, etwas zu geben; das ist weit einfacher als jedes Nehmen. Was geschieht, entwickelt ein Eigenleben. Konkret wird Unmittelbares. Gelingt es, zusätzlich immateriellen – im Idealfall beidseitig spürbar werdenden – Dimensionen Raum zu verschaffen, wirkt das unter Umständen weiter, unsteuerbar, verselbständigt, als Erinnerung an Versuche.

Es geht also auch darum, dass Privatinitiative und Selbstorganisation in globaler Sicht zusehends völlig andere Bedeutungen bekommen. In weiten Teilen der Welt, konstatiert Eric Hobsbawm in The New Century dazu, „könne nicht mehr – und das, glaube ich, ist etwas ziemlich Neues – von funktionierenden Staaten gesprochen werden“; das gelte für Albanien genauso wie für den Kaukasus oder Afghanistan. Was sich dort schärfer ausprägt, macht sich längst auch in „gemäßigten“ Zonen bemerkbar, als radikal veränderte Operationsweisen, instabile Strukturen, Desintegration, sich wieder abschottende, kommunikationslos bis feindselig nebeneinander existierende Gruppen. Zu institutionellen Stabilitätsfaktoren heißt es bei ihm: „Their future is obscure“(4)

Christian Reder, Kabul-Wien, im Frühjahr / Sommer 2003

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  1. George Crile: My Enemy’s Enemy. The Story of the Largest Covert Operation in History: The Arming of the Mujahedeen by the CIA. New York-London 2003 (zurück zum Text)
  2. Artyom Borovik: The Hidden War. A Russian Journalist’s Account to the Soviet War in Afghanistan. New York 1990, S. 4 (zurück zum Text)
  3. David Rieff: A Bed for the Night. Humanitarianism in Crisis. New York 2002 (zurück zum Text)
  4. Eric Hobsbawm: The New Century. London 2000, S. 36, 46, 167 (zurück zum Text)

 
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© Christian Reder 2003/2004