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www.ChristianReder.net: Publikationen: Virtual Frame
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Kunsthalle Wien
Vitual Frame
   

Virtual Frame by 3

Ausstellungskatalog Kunsthalle Wien 2004

Eine Kooperation von Kunst- und Wissenstransfer mit Hutchison 3G Austria.

Beiträge u.a. von Boris Manner, Lucas Gehrmann, Christian Reder und Studierenden der Universität für angewandte Kunst Wien.


Multiplizierte Linientreue
Christian Reder


Wenn ich mir, was manchmal erhellend sein kann, Bewusstsein als verfilzten Knoten vorstelle, in dem sich in alle Richtungen verlaufende Fäden, die ruhig aus Kunststoff sein können, in unentwirrbarer Weise auf einander beziehen, um gleich nebenan oder sonst wo, neuerlich, aber unmerklich verändert, analoge Konstellationen zu erzeugen, dann wird die Versuchung groß, solchen Linien zu folgen und von ihnen Inputs zu erwarten. Dass damit schlicht Kommunikation gemeint ist, braucht einem vorerst gar nicht explizit bewusst zu werden.

Ob das schon Denken ist, sei dahingestellt. Ähnlich sind die Vorgänge aber durchaus. Sofern dieser verfilzte Knoten, das ICH also, mit sonst etwas verbunden ist, kann ihm das seine Vernetzung deutlicher machen. Mit autoritärem Fädenziehen hat es nicht unbedingt zu tun, geht es doch auch um ein Entgegenkommen. Bekanntes aufzufrischen kann erfreuen, unbekanntes Terrain dürfte die Neugierde anspornen. Neu muss es nicht unbedingt sein, irgendwas aber sollte es an sich haben, was so entsteht. Zu probieren, wann etwas nichts ist oder doch schon etwas, genügt eigentlich als Ansporn – auch für jede gestalterische Aufgabe. Sich die Gegenden, in die ein solches Verfahren ringsum führt, als Wüste vorzustellen, um nicht abgelenkt zu werden, ist naheliegend, fördert aber pathetische Zugänge. Endlose Weiten, bizarre Berge, versteckte Oasen, Palmen, Kamele, Räuber, Lösegelder sind nur bedingt eine geeignete Vorstellungswelt. Als urbane Landschaft wiederum wäre Gewohntes zu prägend. In eine Traumszenerie versetzt, verschwinden Realitätsbezüge. Kurz gesagt: Von allem sollte etwas vorhanden sein, auch das Meer, Inseln, der Weltraum, Abstrahiertes, Virtuelles. Völlig Fremdes wäre am eindringlichsten. Ohne jede Wiedererkennbarkeit würde sich diese Emotionsumgebung aber im Nebulosen verlieren.

Der Linie Kunst entlang tut sich lange gar nichts; es geht anscheinend einfach geradeaus. Dann erst werden da und dort Abzweigungen erkennbar. Einmal führen sie in visuelle, dann wieder in akustische Zonen. Gewisse Felder sind Statischem vorbehalten, andere ständiger Bewegung. Wer sofort alles Mögliche verbinden will, geht leicht unter; trotzdem kann sich auch daraus etwas ergeben. Freiheit deutet sich an. Fein verästelte Wege führen jedoch zu Orten des Rigiden, wo jeweils das und jenes unmöglich ist, in keiner Weise erlaubt. Sich von ihnen wieder zu lösen, ist gar nicht so einfach. Es gibt kaum Querverbindungen, alles scheint bewacht zu sein. Fast scheint es so, als würden überall Gefangene gehalten, als potenzielle Markenzeichen.

Bekannte zu treffen wird sich nicht vermeiden lassen, befreiend wäre es aber, im Anonymen zu versinken. Dort machen Leute etwas, bei dem sich keiner noch so richtig auskennt. Da drüben fällt einem sofort etwas ein, das man beitragen könnte. Ein Anruf, ein Lächeln kann alles verändern. Weil irgendwo Texte, Bilder, Songs einfach existieren, gibt es die Gewissheit, auf sie zugreifen zu können.

Einzelgänger in diversen Ecken signalisieren, nicht am Reden darüber interessiert zu sein, was getan werden sollte; sie machen eben ihre Sache. Jene, denen es nicht so sehr um Finanzielles geht, lassen sich das nicht ausreden, weil sie trotzdem irgendwie durchkommen. In den Stuben, wo die Schreiber sitzen müssen, geht es eher deprimierend zu; viele hassen die Bilderwelt, weil da mehr Geld und Renommee zu holen ist. In der historischen Abteilung drängen sich plötzlich alle vor dem Dürer-Hasen; mir hat genügt, dass er in meiner Jugend über dem Bett gehangen ist.

Vorgezeichnete Wege der Kunst sind plötzlich nirgends mehr erkennbar. Zurückzufinden wird immer schwerer. Der „Virtual Frame“, innerhalb dessen sich die angedeuteten Bewegungen abspielen, hat sich aufgelöst. Für Momente wenigstens ist die Welt wirklich anders: Männer und Frauen brauchen sich nicht mehr um Gleichberechtigung zu streiten. Wer von wo herkommt, ist völlig egal. Manchmal beginnt die Haut zu denken, das funktioniert sogar zu zweit. Ob ich ein Forscher bin oder ein Grübler, ein Künstler oder einer, der noch wartet, soll die anderen interessieren: mich nicht.


© Christian Reder 2004 oben