Information Aktuelle Projekte Biografie Publikationen Zentrum Transfer Transferprojekte-RD.org





www.ChristianReder.net: Publikationen: Würde und Wirklichkeit
LINKS
Falter Verlag
   

Würde und Wirklichkeit
Zu Besuch im Wiener Völkerkundemuseum

Falter, Wien, Nr. 18/1985

Alles hastet, um irgendwo noch intakte Reste zugrundegerichteter Kulturen vor die Kamera zu bekommen; gleichzeitig findet die exzellente Wiener Sammlung solcher Objekte nicht einmal unter den aktiv gewordenen Museumskonzept-Leuten die ihr gebührende Beachtung. Deswegen erschien uns ein Lokalaugenschein wichtig. Für die Kunst argumentierte Walter Pichler, für die Wissenschaft der Ethnologe und Kustos des Museums Alfred Janata, den Falter vertreten hat Christian Reder.

 

 

Alles hastet, um irgendwo noch intakte Reste zugrundegerichteter Kulturen vor die Kamera zu bekommen; gleichzeitig findet die exzellente Wiener Sammlung solcher Objekte nicht einmal unter den aktiv gewordenen Museumskonzept-Leuten die ihr gebührende Beachtung. Deswegen erschien uns ein Lokalaugenschein wichtig. Für die Kunst argumentierte Walter Pichler, für die Wissenschaft der Ethnologe und Kustos des Museums Alfred Janata, den Falter vertreten hat Christian Reder. +++ Auf einem Kongreß in Havanna hat Michel Leiris 1968 präzisiert, worauf es auch der Ethnographie, der beschreibenden Völkerkunde, eigentlich ankommen sollte: "Die Kultur des nicht mehr entfremdeten Menschen müßte eine gesamtheitliche Kultur sein, die sämtliche menschlichen Errungenschaften in sich zusammenzufassen hätte, ohne irgend etwas Gültiges beiseite zu lassen, eine Kultur, die in der Lage wäre, alle Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen auszuschöpfen und die jedem Mann und jeder Frau den ungehinderten Gebrauch von Geist und Körper gewährleistete. Im Prinzip müßten demnach alle existierenden Kulturen in sie eingehen bzw. in ihr auf einer anderen Ebene wiederaufgenommen werden, denn jede partikulare Kultur, auch die bescheidenste, zeichnet sich in einem bestimmten Punkt durch eine besondere Perfektion aus: so z.B. die Geschicklichkeit der Pygmäen, sich im Walde zu orientieren; die rhythmische ‚Begabung' in den schwarzen Gemeinschaften; die bei vielen asiatischen Völkern stark entwickelten Techniken der Selbstbeherrschung und der Meditation; bei den Festen vieler nichtindustrialisierter Gesellschaften die gesteigerten Möglichkeiten ‚sich auszuleben' usw." Nichts Gültiges soll also unbeachtet bleiben. Die eigene Originalität und die der anderen gelte es zu entdecken, ohne daß es gleich wieder zum Wechselspiel zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Überlegenheitsansprüchen kommt. In der abgeschirmten Situation eines Museums fällt die Beschäftigung mit dem Eigenen und dem Fremden leichter als anderswo, die Urheber ausgestellter Objekte sind nicht präsent, genausowenig wie die Lebensbedingungen, unter denen diese hergestellt worden sind. Es fällt leicht, Faszination zu provozieren. Daß zugleich immer auch gezeigt wird, wievielen Fähigkeiten jede Ausbreitungsmöglichkeit genommen ist, erschließt sich nur bei entsprechender Wahrnehmungsbereitschaft. Der Museums- und Sammel-Boom ist eine schizophrene, biedermeierliche Antwort auf die Zerstörung ringsum, draußen geht alles seinen Gang, Verfolgtes findet manchmal in der "Kirche" des Museums Schutz, wird geehrt und dabehalten, damit es etwas Schönes zum Herzeigen gibt.

Die berühmte Wiener Benin-Sammlung z. B ist angekauft worden, als nach der englischen Strafexpedition von 1897 die Schätze dieses alten, im Gebiet des heutigen Nigeria liegenden Königreichs auf den Markt gelangt sind. Ägyptischen oder sumerischen Relikten war bereits zögernd ein Hochkultur-Wert zugebilligt worden, Afrikanisches wanderte ins Naturhistorische Museum, weil dort, umfangmäßig nach der Zoologie, auch die "Naturvölker" eingeordnet waren. Erst Ende der 20er Jahre bezog das Völkerkundemuseum seine eigenen jetzigen Räume in der Hofburg, Räume, die sinnigerweise ursprünglich als kaiserlicher Gästetrakt geplant waren, noch während des Baus jedoch gleich für museale Zwecke umgewidmet worden sind. Im Zentrum, gegenüber dem Eingang, stehen jetzt zwei Portraitstatuen, die eines Hofzwerges aus früher Zeit und die eines Würdenträgers, wahrscheinlich eines Königs von Benin, aus dem Ende des 16, oder Anfang des 17. Jahrhunderts.

Wie gut sind sie hier aufgehoben, was läßt sich aus der Gestaltung ablesen, mit der sie umgeben wurden, was also bietet das Museum selbst als Beitrag? - das sind die Fragen, auf die wir uns primär beschränken, um konkreten Einzelheiten nachgehen zu können. Dazu Walter Pichler: "Da haben sie eine falsche, viel zu große Vitrine genommen, für so wichtige, aber kleine Plastiken. Das ist einfach ein Fehler. Und wie das da präsentiert wird, diese prachtvollen Elfenbeinschnitzereien. Der violette Filz, diese Podeste, wie das alles hineingepickt ist. Ein Sockel, der darf einfach nicht so ausschauen. Diese Schäbigkeit mit dem Pappendeckel da und da pickt einfach irgendein Novopan-Plattl drauf. Und wie das alles beschriftet ist, weiß auf schwarz, mit solchen Buchstaben. Diese unsinnige Farbenvielfalt bei den Hintergründen, wie auf der Leipziger Messe. Da hängen einfach Neon-Röhren drinnen, primitivster Natur. Es ist zwar überall eine ‚Gestaltung' zu merken, so aus den 50er Jahren, aber ohne die geringste Ahnung. Und jetzt, wenn sie einen Aufwand treiben können, wie bei der China-Ausstellung drüben auf der Burggartenseite, da wird es noch ärger. Da stellen sie irgend so ein Eingangstor auf von einem blöden Architekten, das muß doch jeder Wissenschaftlichkeit ins Gesicht schlagen."

lin Raum X., links am Ende dieses Trakts steht eine Yoruba-Plastik aus Nigeria: "Das darf doch nicht wahr sein, eine solche Figur in diesem zusammengepickten Kasten mit gemaltem Guckloch und Wellpappehintergrund und drei verschiedenen Farben. Und überall der Filz und diese Tapeten und dort, vier verschiedene Sockelformen, einfach irgendwie zusammengebaut. Das ist schon ziemlich hart, diese ganze Tapeziererarbeit, die in keinerlei Verhältnis zur Qualität dieser Objekte steht."

In einem "Kunstmuseum", darin sind wir uns schnell einig, würde sich kaum wer so eine hilflose Gestaltung trauen. Ein besonderer Zug von "Wissenschaftlichkeit" wird spürbar, denn verantwortlich sind ja jeweils die einen Fachbereich betreuenden Ethnologen. Für optische Aussagen fehlen offenbar Gefühl und Kompetenz. Pichler: "Die Sachen hier sind natürlich völlig gleichwertig mit einem Giacometti oder Brancusi, nur wird ihnen noch längst nicht mit dem gleichen Respekt begegnet."

Seit zehn Jahren gibt es zwar in Hans Manndorff einen neuen Direktor, aber erst in diesem Frühjahr ist als erste die Sammlung aus dem südostasiatischen Archipel neu aufgestellt worden. Als nächstes folgt Ostasien und so soll es langsam weitergehen. Es hat ein Konzept gegeben, "das ist aber baden gegangen", resümiert Alfred Janata, der für Nordafrika, Vorder- und Zentralasien zuständig ist, "und jetzt wurschtelt halt jeder wie er kann". Walter Pichler hatte im Zuge dieser Überlegungen sogar angeboten, kostenlos ein Gestaltungskonzept zu entwickeln, selbst darauf ist nicht eingegangen worden und inzwischen ist auch seine Kooperationsbereitschaft geschwunden. Bei 45 Dienstposten (10 davon für wissenschaftliches Personal) und einem Jahresbudget von 3,2 Millionen Schilling für alle Sachaufwendungen (inkl. Ankäufe) müsse eben alles auf bescheidenste Weise selbst gemacht werden, heißt die stereotype Rechtfertigung aus dem Museumsalltag. Jede kleinere Ausstellung bekommt beute mehr Mittel, als das Museum für seine Jahresaktivitäten und deswegen und wegen der ganzen Struktur, wegen der unsinnigen Budgetvorschriften und der Personalpolitik könne nur hie und da und mit kleinen Tricks etwas erreicht werden. Ein durchdachtes Konzept war bisher nicht erwünscht und daher gibt es auch wenig Vertrauen, daß sich die Museumsdiskussion rund um den Messepalast positiv auf das eigene Haus auswirken könnte.

Dabei ginge es bei den Gestaltungsfragen nach Meinung Walter Pichlers nur darum, "ein paar Entscheidungen zu treffen": "Die räumliche Anordnung, die zu verwendenden Sockel, die Farbgebung, die Hintergrundmaterialien, die Beschriftung und die Beleuchtung gehören gefühlvoll überlegt. Da muß ein Berater her der vorn Formalen etwas versteht, der subtil auf die Räume eingeht, der eine Rückführungsarbeit macht, eine Vereinheitlichung und Entrümpelung. Um keinen Preis möchte ich da den übertriebenen Gestaltungswillen irgendeines Architekten sehen."

Im Oberstock fallen uns Figuren aztekischer Maisgöttinnen auf, die der Reihe nach in Terrazzo eingelassen sind, damit sie einen Halt finden. Der Urheber dieser Idee war, so die Erklärung, einmal Wotruba-Assistent und später dann im Haus Verwaltungsbeamter. In der Präsentation des angeblichen Montezuma-Kopfschmucks ("Federkopfschmuck aus Quetzal-Federn und Goldflitter. Einziges erhaltenes Stück seiner Art, aztekisch, seit 1524 in Europa nachweisbar"), von dem sich das anthropologische Museum in Mexico City eine Kopie hat anfertigen lassen, wird eine ähnliche Haltung sichtbar. "Der kann doch nicht so in die Ecke gestellt werden, in einer so schlechten Vitrine und so schief auf schäbigstem Samt aufgespießt und oben so eine NachtkastlIampe. So kann man doch mit einem dermaßen zentralen Stück nicht umgehen. Es gehört axial aufgestellt, in Beziehung zu den anderen Federarbeiten hier." Christian Feest, Leiter der Nord- und Mittelamerikaabteilung, stimmt dem zu, weiß aber, dass es weitere zwei bis drei Jahre dauern wird, bis sich etwas machen läßt. Vielleicht biete sich dann sogar die Chance, endlich die verstreuten, nicht ausgestellten frühkolonialen Federarbeiten, von denen Wien die größte Sammlung der Welt besitzt, geschlossen zu präsentieren.

Vor den "zwei weiblichen Mumien mit Kind aus Ancon, Andenregion" (Janata: "signifikanter Weise besondere Publikumshits"), wird die Würdelosigkeit im Umgang mit "Objekten" besonders spürbar. Pichler: "Keiner anderen Kultur würde so etwas einfallen. Sie faszinieren mich zwar immer wieder, aber Probleme habe ich damit schon. Warum soll denn z. B. ein Pharao, der sein Leben lang daran gearbeitet hat, nach dem Tod unauffindbar zu bleiben, schließlich im British Museum zur Schau gestellt werden. Das ist schon das Härteste, was man ihm hat antun können. Sie werden eben weiter als Menschen zweiter Klasse gesehen, bei denen wir uns jede Pietätlosigkeit leisten können." Anwar As Sadat wollte daher auch Ramses und andere ins Mumseum geratene Tote wieder bestatten; ein Lenin wiederum ist von vorneherein zur Besichtigung freigegeben worden.

In der Ecke zum Burggarten hin sind die neuadaptierten Räume für den südostasiatischen Archipel, wo Heide Leigh-Theisen versucht hat, im Rahmen der Möglichkeiten ein neues Konzept zu realisieren. "Das ist schon wesentlich besser, da kann man nichts sagen. Der Hintergrund hat allerdings zuviel textile Struktur und die Farben sind auch nicht gerade ideal. Die Beschriftung ist jedenfalls besser als die alte. Diese "Probier mal"-Ecke mit den Schattenspielen für Kinder ist mir zu aufdringlich didaktisch, das übersteigt meine Ansprüche." Eine Holzhütte in Originalgröße, mit Wellblech, Plastikgeschirr und kompletter Einrichtung soll inmitten der alten Kunstgegenstände die Realität von heute veranschaulichen. Kultur im Wandel heißt der milde Ausdruck dafür. Über eine Darstellung des Alltäglichen nähern sich politische Bezüge. Dennoch, selbst die Beschränkung auf rein formale Aspekte läßt Zweifel aufkommen: "Das gefällt mir eigentlich recht gut, daß sie da das Wellblech und die Wassertonne mit dem Plastikheferl zeigen. Ich glaub' nur, in Wirklichkeit schaut das nicht so aus. Da hätten sich sie doch eine echte mitnehmen sollen und nicht eine hier nachbauen lassen. Die ist zu sehr Schrebergartenhütte. Ich glaub' dem nicht ganz." Immerhin wurden mit den kleinen, im Herkunftsgebiet hergestellten Hausmodellen aus Sumatra, Westborneo und Sulawesi, die seit 1914 zur Sammlung gehören, wichtige Stücke aus dem Fundus reaktiviert, denen die längste Zeit wenig Bedeutung beigemessen worden ist. Im neuen Katalog werden ausführliche Informationen geboten, wie sie für andere Bereiche weiterhin fehlen. Die Auskünfte sind nüchtern, ohne Heroisierung, so etwa über die ausgestellte, verzierte Schädeltrophäe der Dayak aus Borneo: "Die Kopfjäger zogen meist in kleinen Gruppen aus und lauerten vor allem Einzelgängern auf, wobei es belanglos war, ob ein Mann, eine Frau oder ein Kind das Opfer war." Ähnlich wie bei Menschenopfern erwartete man sich davon "einen wohltätigen, heilbringenden Einfluß auf das Leben der Dorf- oder Stammesgesellschaft (...) und hohes Prestige, nicht zuletzt bei Frauen".

Eine unangenehme Ausstrahlung haben die überall verwendeten, gesichtslosen schwarzen Kleiderpuppen. Die Erinnerung an Wirtschaftswunderauslagen verfolgt einen. Auch die prächtigsten Gewänder hängen würdelos an diesen biegsamen Gestalten, weil sich angeblich keine bessere, finanziell verkraftbare Lösung finden ließ. Das Resumé zur begonnenen Neuaufstellung aus der Sicht des Künstlers: "Es wirkt bereits alles viel besser, ruhiger, geschlossener. Wenn das so weiter geht, ist das ein akzeptabler Weg. Formal könnte alles geschickter gemacht sein. Im ganzen Haus wäre eine besser erkennbare Zoneneinteilung wichtig. Die zentrale Halle müßte aufgewertet werden, die Nischen oben auf der Galerie bieten sich für besonders kostbare Sachen an. Und insgesamt könnte es schon etwas prachtvoller zugehen. Jetzt wirken die alten Teile einfach ziemlich verwahrlost, es ist ja jahrelang nicht einmal ausgemalt worden. Vieles gehört geklärt, besser zugeordnet, damit man von dem Rumpelkammercharakter wegkommt. Der ist übrigens im Musée de l'Homme in Paris noch viel ärger. Im Grund ist mir das alles aber nicht unsympathisch so. Dieser Typ von Museum ist mir viel lieber, als wenn ich in irgend so eine schicke Ausstellung hineingehen muß" Die alten Vitrinen begeistern den Fachmann. "Für diese Präzision gibt es nur mehr ein paar Schweizer Firmen. Das kostet heute soviel, daß das kaum noch geht." Sie schließen so dicht, daß jahrzehntelang kein Staub hineinkommt, bestätigt Alfred Janata; formal sind sie erstklassig gelöst, sie stammen noch von der Firma Kühnscherf & Söhne aus Dresden, die auf Musetimseinrichtungen spezialisiert war.

Gibt es den Wunsch nach neuen Räumen ? Janata: "Das einzige Argument für ein neues Haus wäre eine doppelte Größe. Wir haben ja nur knapp 5 Prozent unserer Bestände ausgestellt. Aber in die Messepalast-Lösung sind wir sowieso nicht einbezogen, da kommt hauptsächlich das 19. und 20. Jahrhundert hin und ein großes Ausstellungszentrum." Walter Pichler findet das im Prinzip richtig: "Für eine solche Aufgabe sollte man einen Mann wie den Hollein nehmen, das kann er, dis wird er sicher gilt machen." Dem Völkerkundemuseum bleibt also gar nichts anderes übrig, als langsam Raum für Raum neu zu gestalten. Die Querverbindungen zur Wirklichkeit in den behandelten Regionen werden sich auf Andeutungen beschränken müssen, genauso wie eine Darstellung befruchtender und zerstörerischer Beziehungen zwischen den einzelnen Kulturen. Mit Blick auf die "Weltgesellschaft", auf ihre Brüche und ständigen Veränderungen könnte eine solche Institution das zentrale "Museum" schlechthin sein, indem es dem Spannungsverhältnis zwischen "Vielfalt" und "Einheit" nachgeht und dem latenten Eurozentrismus entgegenwirkt. Aber André Malraux' Idee vom "Museum ohne Wände", die auf die Verfügbarkeit aller historischen Quellen pochte, die ist auch schon wieder ziemlich lange her. Die Fachdisziplinen verteidigen ihre Reviere, zur vielzitierten interdisziplinären Zusammenarbeit kommt es nur, wenn zufällig gerade die Konstellation stimmt. Von einer Sonderschau "Der Mensch im Kosmos" ist zwar im Rahmen des neuen Museumskonzeptes ständig die Rede (Falter 22/83), der Mensch in Afrika oder Asien zählt offenbar nicht dazu.

Das Museum of Modern Art in New York hat letztes Jahr in einer Großausstellung (mit dem diskriminierenden Titel "Primitivismus in der Kunst des 20. Jahrhunderts") die massiven außereuropäischen Einflüsse auf die bildende Kunst in Erinnerung gebracht und durch eine Fülle neuer Einzelheiten dokumentiert. Picassos Bild "Les Demoiselles d'Avignon" (1907) gilt als ein markanter Anfang dieser Phase eingestandener oder stillschweigender Übernahmen - immerhin hat er bewundernd verkündet, daß "primitive Skulptur niemals übertroffen wurde" - und alle zehren weiterhin von sich erschließenden Möglichkeiten, ohne daß damit eine gründliche Informationsarbeit verbunden würde. Roland Rainer hat solche Gedanken in die Museumskommission einbringen wollen, allerdings ohne Erfolg. Auch Walter Pichler ist skeptisch: "Sind wir doch ehrlich, natürlich ist von der Kunst enorm viel gestohlen worden, von den anderswo entstandenen Ideen, es gibt da eine ständige geistige Ausbeutung. Nur muß man auch akzeptieren, daß die Künstler die ersten waren, die den Wert dessen erkannt haben. Ob ein hiesiges Museum aber in der Richtung etwas machen kann, bezweifle ich. Ein paar Bezugspunkte sind dafür zu wenig. Dazu braucht es sehr gründliche Ausstellungen mit wirklich guten Vergleichsstücken und die sind in kaum zu bekommen."

Und wie sieht sich das Völkerkundemuseum im Rahmen der Dritte-Welt-Bewegung und deren Politischen Forderungen? Immerhin gibt es in Wien über 2.000 Ethnologiestudenten und auch sonst eine beträchtliche Anzahl von Aktivisten. Dazu Alfred Janata: Dieses Interesse kommt aus der anderen Ecke her, aus der 68er Studentenbewegung und den Solidaritätsgruppen. Die waren allerdings völlig antimuseal eingestellt und haben geglaubt, überall auf der Welt würden die unterdrückten Völker auf junge europäische Soziologen und Ethnologen warten, damit sie ihnen helfen, sich zu befreien. Die Intellektuellen von dort haben ihnen aber sehr deutliche Absagen erteilt, ihnen eindeutig einen Tritt in den Arsch gegeben. Das Engagement hat sich aber fortgesetzt. Es beginnt schon in den Mittelschulen. Unter kritischen jungen Leuten ist die Grundproblematik, die in den Medien verschwiegen wird, sehr präsent. Und daher ist auch wieder ein großes Interesse für das Museum entstanden und der Andrang zu unseren Vorlesungen und Übungen in völkerkundlicher Technologie und Ergolologie ist enorm. Die Ziele sind pragmatischer geworden. Es geht um eine Abwehr des Überfahrenwerdens mit westlicher Technologie, also um eine langsame Entwicklung, wo eben nicht alles kaputtgeht." Langsamer heißt länger mit der Vergangenheit leben, ein Aktivismus dabei fördert jedoch sehr leicht nationalistische, chauvinistische oder faschistische Züge; gibt es Beispiele für Regionen, wo sich das wenigstens halbwegs in Balance hält? "Groteskerweise sind das am ehesten die mittelasiatischen Sowjetrepubliken, insbesondere Uzbekistan und Tadschikistan. Unter Stalin wurden die regionalen Traditionen massiv unterdrückt, jetzt hat sich ein enormer Stolz auf die Vergangenheit entwickelt, der sich auch sehr positiv auswirkt, im Interesse an alter Literatur, an Volkskunst, an der eigenen Musik." Sobald ein Widerstandsgeist dazukommt, wird ein kollektives Bemühen um Identität, um ein Selbstbewußtsein eben glaubwürdiger und damit wirkungsvoller. Die Jugoslawen haben sich ja auch eine ganz andere Beziehung zu ihrer Musikalität bewahrt, als wir hier, im Land des Musikantenstadels, wo sich der Umgang mit Tradition und Modernität auf einer - im echten Sinn des Wortes - primitiven Ebene eingependelt hat. Nur, traditionsreiche Städte wie Kairo kollabieren genauso, wie Mexico City oder Tokyo. "Sogar das alte Jerusalem", so Walter Pichler, "haben sie umstellt mit lauter moderner Technologie, entsetzlich. Wo sie doch dort jeden Grund dafür hätten, Identifikation auch sichtbar zu machen. So ist es, Bei uns saust die rechte Partie mit dem Steireranzug herum und die Linke ist auch schon beim Wetterfleck angelangt. Und beide wollen die Urquellen und die Werte und sonst noch was wieder mobilisieren. Da gehört sehr viel Kritikbereitschaft dazu, daß man da nicht hineinkippt. Bei mir draußen am Land, da ist es ja auch so, das alte Bauernhaus, das Original sozusagen. Ich erfange mich eben dadurch, daß ich dort meine Plastiken mache, für die regionale Materialien und Elemente sehr wichtig sind und für die ich auch sehr viele Einflüsse aus diesem Museum hier bezogen habe. Ich glaube, so wird das dann eben diffiziler."

Sich darin zu üben, besser unterscheiden zu können, ist auch für Michel Leiris eine zentrale Angelegenheit: "'Authentizität' bedeutet nur etwas im Vergleich zu etwas anderem."

 

 
oben
 
© Christian Reder 1985/2001