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Alles hastet, um irgendwo noch intakte Reste zugrundegerichteter
Kulturen vor die Kamera zu bekommen; gleichzeitig findet die
exzellente Wiener Sammlung solcher Objekte nicht einmal unter
den aktiv gewordenen Museumskonzept-Leuten die ihr gebührende
Beachtung. Deswegen erschien uns ein Lokalaugenschein wichtig.
Für die Kunst argumentierte Walter Pichler, für die Wissenschaft
der Ethnologe und Kustos des Museums Alfred Janata, den Falter
vertreten hat Christian Reder. +++ Auf einem Kongreß in Havanna
hat Michel Leiris 1968 präzisiert, worauf es auch der Ethnographie,
der beschreibenden Völkerkunde, eigentlich ankommen sollte:
"Die Kultur des nicht mehr entfremdeten Menschen müßte eine
gesamtheitliche Kultur sein, die sämtliche menschlichen Errungenschaften
in sich zusammenzufassen hätte, ohne irgend etwas Gültiges
beiseite zu lassen, eine Kultur, die in der Lage wäre, alle
Möglichkeiten und Fähigkeiten des Menschen auszuschöpfen und
die jedem Mann und jeder Frau den ungehinderten Gebrauch von
Geist und Körper gewährleistete. Im Prinzip müßten demnach
alle existierenden Kulturen in sie eingehen bzw. in ihr auf
einer anderen Ebene wiederaufgenommen werden, denn jede partikulare
Kultur, auch die bescheidenste, zeichnet sich in einem bestimmten
Punkt durch eine besondere Perfektion aus: so z.B. die Geschicklichkeit
der Pygmäen, sich im Walde zu orientieren; die rhythmische
‚Begabung' in den schwarzen Gemeinschaften; die bei vielen
asiatischen Völkern stark entwickelten Techniken der Selbstbeherrschung
und der Meditation; bei den Festen vieler nichtindustrialisierter
Gesellschaften die gesteigerten Möglichkeiten ‚sich auszuleben'
usw." Nichts Gültiges soll also unbeachtet bleiben. Die eigene
Originalität und die der anderen gelte es zu entdecken, ohne
daß es gleich wieder zum Wechselspiel zwischen Minderwertigkeitskomplexen
und Überlegenheitsansprüchen kommt. In der abgeschirmten Situation
eines Museums fällt die Beschäftigung mit dem Eigenen und
dem Fremden leichter als anderswo, die Urheber ausgestellter
Objekte sind nicht präsent, genausowenig wie die Lebensbedingungen,
unter denen diese hergestellt worden sind. Es fällt leicht,
Faszination zu provozieren. Daß zugleich immer auch gezeigt
wird, wievielen Fähigkeiten jede Ausbreitungsmöglichkeit genommen
ist, erschließt sich nur bei entsprechender Wahrnehmungsbereitschaft.
Der Museums- und Sammel-Boom ist eine schizophrene, biedermeierliche
Antwort auf die Zerstörung ringsum, draußen geht alles seinen
Gang, Verfolgtes findet manchmal in der "Kirche" des Museums
Schutz, wird geehrt und dabehalten, damit es etwas Schönes
zum Herzeigen gibt.
Die berühmte Wiener Benin-Sammlung z. B ist angekauft worden,
als nach der englischen Strafexpedition von 1897 die Schätze
dieses alten, im Gebiet des heutigen Nigeria liegenden Königreichs
auf den Markt gelangt sind. Ägyptischen oder sumerischen Relikten
war bereits zögernd ein Hochkultur-Wert zugebilligt worden,
Afrikanisches wanderte ins Naturhistorische Museum, weil dort,
umfangmäßig nach der Zoologie, auch die "Naturvölker" eingeordnet
waren. Erst Ende der 20er Jahre bezog das Völkerkundemuseum
seine eigenen jetzigen Räume in der Hofburg, Räume, die sinnigerweise
ursprünglich als kaiserlicher Gästetrakt geplant waren, noch
während des Baus jedoch gleich für museale Zwecke umgewidmet
worden sind. Im Zentrum, gegenüber dem Eingang, stehen jetzt
zwei Portraitstatuen, die eines Hofzwerges aus früher Zeit
und die eines Würdenträgers, wahrscheinlich eines Königs von
Benin, aus dem Ende des 16, oder Anfang des 17. Jahrhunderts.
Wie gut sind sie hier aufgehoben, was läßt sich aus der Gestaltung
ablesen, mit der sie umgeben wurden, was also bietet das Museum
selbst als Beitrag? - das sind die Fragen, auf die wir uns
primär beschränken, um konkreten Einzelheiten nachgehen zu
können. Dazu Walter Pichler: "Da haben sie eine falsche, viel
zu große Vitrine genommen, für so wichtige, aber kleine Plastiken.
Das ist einfach ein Fehler. Und wie das da präsentiert wird,
diese prachtvollen Elfenbeinschnitzereien. Der violette Filz,
diese Podeste, wie das alles hineingepickt ist. Ein Sockel,
der darf einfach nicht so ausschauen. Diese Schäbigkeit mit
dem Pappendeckel da und da pickt einfach irgendein Novopan-Plattl
drauf. Und wie das alles beschriftet ist, weiß auf schwarz,
mit solchen Buchstaben. Diese unsinnige Farbenvielfalt bei
den Hintergründen, wie auf der Leipziger Messe. Da hängen
einfach Neon-Röhren drinnen, primitivster Natur. Es ist zwar
überall eine ‚Gestaltung' zu merken, so aus den 50er Jahren,
aber ohne die geringste Ahnung. Und jetzt, wenn sie einen
Aufwand treiben können, wie bei der China-Ausstellung drüben
auf der Burggartenseite, da wird es noch ärger. Da stellen
sie irgend so ein Eingangstor auf von einem blöden Architekten,
das muß doch jeder Wissenschaftlichkeit ins Gesicht schlagen."
lin Raum X., links am Ende dieses Trakts steht eine Yoruba-Plastik
aus Nigeria: "Das darf doch nicht wahr sein, eine solche Figur
in diesem zusammengepickten Kasten mit gemaltem Guckloch und
Wellpappehintergrund und drei verschiedenen Farben. Und überall
der Filz und diese Tapeten und dort, vier verschiedene Sockelformen,
einfach irgendwie zusammengebaut. Das ist schon ziemlich hart,
diese ganze Tapeziererarbeit, die in keinerlei Verhältnis
zur Qualität dieser Objekte steht."
In einem "Kunstmuseum", darin sind wir uns schnell einig,
würde sich kaum wer so eine hilflose Gestaltung trauen. Ein
besonderer Zug von "Wissenschaftlichkeit" wird spürbar, denn
verantwortlich sind ja jeweils die einen Fachbereich betreuenden
Ethnologen. Für optische Aussagen fehlen offenbar Gefühl und
Kompetenz. Pichler: "Die Sachen hier sind natürlich völlig
gleichwertig mit einem Giacometti oder Brancusi, nur wird
ihnen noch längst nicht mit dem gleichen Respekt begegnet."
Seit zehn Jahren gibt es zwar in Hans Manndorff einen neuen
Direktor, aber erst in diesem Frühjahr ist als erste die Sammlung
aus dem südostasiatischen Archipel neu aufgestellt worden.
Als nächstes folgt Ostasien und so soll es langsam weitergehen.
Es hat ein Konzept gegeben, "das ist aber baden gegangen",
resümiert Alfred Janata, der für Nordafrika, Vorder- und Zentralasien
zuständig ist, "und jetzt wurschtelt halt jeder wie er kann".
Walter Pichler hatte im Zuge dieser Überlegungen sogar angeboten,
kostenlos ein Gestaltungskonzept zu entwickeln, selbst darauf
ist nicht eingegangen worden und inzwischen ist auch seine
Kooperationsbereitschaft geschwunden. Bei 45 Dienstposten
(10 davon für wissenschaftliches Personal) und einem Jahresbudget
von 3,2 Millionen Schilling für alle Sachaufwendungen (inkl.
Ankäufe) müsse eben alles auf bescheidenste Weise selbst gemacht
werden, heißt die stereotype Rechtfertigung aus dem Museumsalltag.
Jede kleinere Ausstellung bekommt beute mehr Mittel, als das
Museum für seine Jahresaktivitäten und deswegen und wegen
der ganzen Struktur, wegen der unsinnigen Budgetvorschriften
und der Personalpolitik könne nur hie und da und mit kleinen
Tricks etwas erreicht werden. Ein durchdachtes Konzept war
bisher nicht erwünscht und daher gibt es auch wenig Vertrauen,
daß sich die Museumsdiskussion rund um den Messepalast positiv
auf das eigene Haus auswirken könnte.
Dabei ginge es bei den Gestaltungsfragen nach Meinung Walter
Pichlers nur darum, "ein paar Entscheidungen zu treffen":
"Die räumliche Anordnung, die zu verwendenden Sockel, die
Farbgebung, die Hintergrundmaterialien, die Beschriftung und
die Beleuchtung gehören gefühlvoll überlegt. Da muß ein Berater
her der vorn Formalen etwas versteht, der subtil auf die Räume
eingeht, der eine Rückführungsarbeit macht, eine Vereinheitlichung
und Entrümpelung. Um keinen Preis möchte ich da den übertriebenen
Gestaltungswillen irgendeines Architekten sehen."
Im Oberstock fallen uns Figuren aztekischer Maisgöttinnen
auf, die der Reihe nach in Terrazzo eingelassen sind, damit
sie einen Halt finden. Der Urheber dieser Idee war, so die
Erklärung, einmal Wotruba-Assistent und später dann im Haus
Verwaltungsbeamter. In der Präsentation des angeblichen Montezuma-Kopfschmucks
("Federkopfschmuck aus Quetzal-Federn und Goldflitter. Einziges
erhaltenes Stück seiner Art, aztekisch, seit 1524 in Europa
nachweisbar"), von dem sich das anthropologische Museum in
Mexico City eine Kopie hat anfertigen lassen, wird eine ähnliche
Haltung sichtbar. "Der kann doch nicht so in die Ecke gestellt
werden, in einer so schlechten Vitrine und so schief auf schäbigstem
Samt aufgespießt und oben so eine NachtkastlIampe. So kann
man doch mit einem dermaßen zentralen Stück nicht umgehen.
Es gehört axial aufgestellt, in Beziehung zu den anderen Federarbeiten
hier." Christian Feest, Leiter der Nord- und Mittelamerikaabteilung,
stimmt dem zu, weiß aber, dass es weitere zwei bis drei Jahre
dauern wird, bis sich etwas machen läßt. Vielleicht biete
sich dann sogar die Chance, endlich die verstreuten, nicht
ausgestellten frühkolonialen Federarbeiten, von denen Wien
die größte Sammlung der Welt besitzt, geschlossen zu präsentieren.
Vor den "zwei weiblichen Mumien mit Kind aus Ancon, Andenregion"
(Janata: "signifikanter Weise besondere Publikumshits"), wird
die Würdelosigkeit im Umgang mit "Objekten" besonders spürbar.
Pichler: "Keiner anderen Kultur würde so etwas einfallen.
Sie faszinieren mich zwar immer wieder, aber Probleme habe
ich damit schon. Warum soll denn z. B. ein Pharao, der sein
Leben lang daran gearbeitet hat, nach dem Tod unauffindbar
zu bleiben, schließlich im British Museum zur Schau gestellt
werden. Das ist schon das Härteste, was man ihm hat antun
können. Sie werden eben weiter als Menschen zweiter Klasse
gesehen, bei denen wir uns jede Pietätlosigkeit leisten können."
Anwar As Sadat wollte daher auch Ramses und andere ins Mumseum
geratene Tote wieder bestatten; ein Lenin wiederum ist von
vorneherein zur Besichtigung freigegeben worden.
In der Ecke zum Burggarten hin sind die neuadaptierten Räume
für den südostasiatischen Archipel, wo Heide Leigh-Theisen
versucht hat, im Rahmen der Möglichkeiten ein neues Konzept
zu realisieren. "Das ist schon wesentlich besser, da kann
man nichts sagen. Der Hintergrund hat allerdings zuviel textile
Struktur und die Farben sind auch nicht gerade ideal. Die
Beschriftung ist jedenfalls besser als die alte. Diese "Probier
mal"-Ecke mit den Schattenspielen für Kinder ist mir zu aufdringlich
didaktisch, das übersteigt meine Ansprüche." Eine Holzhütte
in Originalgröße, mit Wellblech, Plastikgeschirr und kompletter
Einrichtung soll inmitten der alten Kunstgegenstände die Realität
von heute veranschaulichen. Kultur im Wandel heißt der milde
Ausdruck dafür. Über eine Darstellung des Alltäglichen nähern
sich politische Bezüge. Dennoch, selbst die Beschränkung auf
rein formale Aspekte läßt Zweifel aufkommen: "Das gefällt
mir eigentlich recht gut, daß sie da das Wellblech und die
Wassertonne mit dem Plastikheferl zeigen. Ich glaub' nur,
in Wirklichkeit schaut das nicht so aus. Da hätten sich sie
doch eine echte mitnehmen sollen und nicht eine hier nachbauen
lassen. Die ist zu sehr Schrebergartenhütte. Ich glaub' dem
nicht ganz." Immerhin wurden mit den kleinen, im Herkunftsgebiet
hergestellten Hausmodellen aus Sumatra, Westborneo und Sulawesi,
die seit 1914 zur Sammlung gehören, wichtige Stücke aus dem
Fundus reaktiviert, denen die längste Zeit wenig Bedeutung
beigemessen worden ist. Im neuen Katalog werden ausführliche
Informationen geboten, wie sie für andere Bereiche weiterhin
fehlen. Die Auskünfte sind nüchtern, ohne Heroisierung, so
etwa über die ausgestellte, verzierte Schädeltrophäe der Dayak
aus Borneo: "Die Kopfjäger zogen meist in kleinen Gruppen
aus und lauerten vor allem Einzelgängern auf, wobei es belanglos
war, ob ein Mann, eine Frau oder ein Kind das Opfer war."
Ähnlich wie bei Menschenopfern erwartete man sich davon "einen
wohltätigen, heilbringenden Einfluß auf das Leben der Dorf-
oder Stammesgesellschaft (...) und hohes Prestige, nicht zuletzt
bei Frauen".
Eine unangenehme Ausstrahlung haben die überall verwendeten,
gesichtslosen schwarzen Kleiderpuppen. Die Erinnerung an Wirtschaftswunderauslagen
verfolgt einen. Auch die prächtigsten Gewänder hängen würdelos
an diesen biegsamen Gestalten, weil sich angeblich keine bessere,
finanziell verkraftbare Lösung finden ließ. Das Resumé zur
begonnenen Neuaufstellung aus der Sicht des Künstlers: "Es
wirkt bereits alles viel besser, ruhiger, geschlossener. Wenn
das so weiter geht, ist das ein akzeptabler Weg. Formal könnte
alles geschickter gemacht sein. Im ganzen Haus wäre eine besser
erkennbare Zoneneinteilung wichtig. Die zentrale Halle müßte
aufgewertet werden, die Nischen oben auf der Galerie bieten
sich für besonders kostbare Sachen an. Und insgesamt könnte
es schon etwas prachtvoller zugehen. Jetzt wirken die alten
Teile einfach ziemlich verwahrlost, es ist ja jahrelang nicht
einmal ausgemalt worden. Vieles gehört geklärt, besser zugeordnet,
damit man von dem Rumpelkammercharakter wegkommt. Der ist
übrigens im Musée de l'Homme in Paris noch viel ärger. Im
Grund ist mir das alles aber nicht unsympathisch so. Dieser
Typ von Museum ist mir viel lieber, als wenn ich in irgend
so eine schicke Ausstellung hineingehen muß" Die alten Vitrinen
begeistern den Fachmann. "Für diese Präzision gibt es nur
mehr ein paar Schweizer Firmen. Das kostet heute soviel, daß
das kaum noch geht." Sie schließen so dicht, daß jahrzehntelang
kein Staub hineinkommt, bestätigt Alfred Janata; formal sind
sie erstklassig gelöst, sie stammen noch von der Firma Kühnscherf
& Söhne aus Dresden, die auf Musetimseinrichtungen spezialisiert
war.
Gibt es den Wunsch nach neuen Räumen ? Janata: "Das einzige
Argument für ein neues Haus wäre eine doppelte Größe. Wir
haben ja nur knapp 5 Prozent unserer Bestände ausgestellt.
Aber in die Messepalast-Lösung sind wir sowieso nicht einbezogen,
da kommt hauptsächlich das 19. und 20. Jahrhundert hin und
ein großes Ausstellungszentrum." Walter Pichler findet das
im Prinzip richtig: "Für eine solche Aufgabe sollte man einen
Mann wie den Hollein nehmen, das kann er, dis wird er sicher
gilt machen." Dem Völkerkundemuseum bleibt also gar nichts
anderes übrig, als langsam Raum für Raum neu zu gestalten.
Die Querverbindungen zur Wirklichkeit in den behandelten Regionen
werden sich auf Andeutungen beschränken müssen, genauso wie
eine Darstellung befruchtender und zerstörerischer Beziehungen
zwischen den einzelnen Kulturen. Mit Blick auf die "Weltgesellschaft",
auf ihre Brüche und ständigen Veränderungen könnte eine solche
Institution das zentrale "Museum" schlechthin sein, indem
es dem Spannungsverhältnis zwischen "Vielfalt" und "Einheit"
nachgeht und dem latenten Eurozentrismus entgegenwirkt. Aber
André Malraux' Idee vom "Museum ohne Wände", die auf die Verfügbarkeit
aller historischen Quellen pochte, die ist auch schon wieder
ziemlich lange her. Die Fachdisziplinen verteidigen ihre Reviere,
zur vielzitierten interdisziplinären Zusammenarbeit kommt
es nur, wenn zufällig gerade die Konstellation stimmt. Von
einer Sonderschau "Der Mensch im Kosmos" ist zwar im Rahmen
des neuen Museumskonzeptes ständig die Rede (Falter 22/83),
der Mensch in Afrika oder Asien zählt offenbar nicht dazu.
Das Museum of Modern Art in New York hat letztes Jahr in
einer Großausstellung (mit dem diskriminierenden Titel "Primitivismus
in der Kunst des 20. Jahrhunderts") die massiven außereuropäischen
Einflüsse auf die bildende Kunst in Erinnerung gebracht und
durch eine Fülle neuer Einzelheiten dokumentiert. Picassos
Bild "Les Demoiselles d'Avignon" (1907) gilt als ein markanter
Anfang dieser Phase eingestandener oder stillschweigender
Übernahmen - immerhin hat er bewundernd verkündet, daß "primitive
Skulptur niemals übertroffen wurde" - und alle zehren weiterhin
von sich erschließenden Möglichkeiten, ohne daß damit eine
gründliche Informationsarbeit verbunden würde. Roland Rainer
hat solche Gedanken in die Museumskommission einbringen wollen,
allerdings ohne Erfolg. Auch Walter Pichler ist skeptisch:
"Sind wir doch ehrlich, natürlich ist von der Kunst enorm
viel gestohlen worden, von den anderswo entstandenen Ideen,
es gibt da eine ständige geistige Ausbeutung. Nur muß man
auch akzeptieren, daß die Künstler die ersten waren, die den
Wert dessen erkannt haben. Ob ein hiesiges Museum aber in
der Richtung etwas machen kann, bezweifle ich. Ein paar Bezugspunkte
sind dafür zu wenig. Dazu braucht es sehr gründliche Ausstellungen
mit wirklich guten Vergleichsstücken und die sind in kaum
zu bekommen."
Und wie sieht sich das Völkerkundemuseum im Rahmen der Dritte-Welt-Bewegung
und deren Politischen Forderungen? Immerhin gibt es in Wien
über 2.000 Ethnologiestudenten und auch sonst eine beträchtliche
Anzahl von Aktivisten. Dazu Alfred Janata: Dieses Interesse
kommt aus der anderen Ecke her, aus der 68er Studentenbewegung
und den Solidaritätsgruppen. Die waren allerdings völlig antimuseal
eingestellt und haben geglaubt, überall auf der Welt würden
die unterdrückten Völker auf junge europäische Soziologen
und Ethnologen warten, damit sie ihnen helfen, sich zu befreien.
Die Intellektuellen von dort haben ihnen aber sehr deutliche
Absagen erteilt, ihnen eindeutig einen Tritt in den Arsch
gegeben. Das Engagement hat sich aber fortgesetzt. Es beginnt
schon in den Mittelschulen. Unter kritischen jungen Leuten
ist die Grundproblematik, die in den Medien verschwiegen wird,
sehr präsent. Und daher ist auch wieder ein großes Interesse
für das Museum entstanden und der Andrang zu unseren Vorlesungen
und Übungen in völkerkundlicher Technologie und Ergolologie
ist enorm. Die Ziele sind pragmatischer geworden. Es geht
um eine Abwehr des Überfahrenwerdens mit westlicher Technologie,
also um eine langsame Entwicklung, wo eben nicht alles kaputtgeht."
Langsamer heißt länger mit der Vergangenheit leben, ein Aktivismus
dabei fördert jedoch sehr leicht nationalistische, chauvinistische
oder faschistische Züge; gibt es Beispiele für Regionen, wo
sich das wenigstens halbwegs in Balance hält? "Groteskerweise
sind das am ehesten die mittelasiatischen Sowjetrepubliken,
insbesondere Uzbekistan und Tadschikistan. Unter Stalin wurden
die regionalen Traditionen massiv unterdrückt, jetzt hat sich
ein enormer Stolz auf die Vergangenheit entwickelt, der sich
auch sehr positiv auswirkt, im Interesse an alter Literatur,
an Volkskunst, an der eigenen Musik." Sobald ein Widerstandsgeist
dazukommt, wird ein kollektives Bemühen um Identität, um ein
Selbstbewußtsein eben glaubwürdiger und damit wirkungsvoller.
Die Jugoslawen haben sich ja auch eine ganz andere Beziehung
zu ihrer Musikalität bewahrt, als wir hier, im Land des Musikantenstadels,
wo sich der Umgang mit Tradition und Modernität auf einer
- im echten Sinn des Wortes - primitiven Ebene eingependelt
hat. Nur, traditionsreiche Städte wie Kairo kollabieren genauso,
wie Mexico City oder Tokyo. "Sogar das alte Jerusalem", so
Walter Pichler, "haben sie umstellt mit lauter moderner Technologie,
entsetzlich. Wo sie doch dort jeden Grund dafür hätten, Identifikation
auch sichtbar zu machen. So ist es, Bei uns saust die rechte
Partie mit dem Steireranzug herum und die Linke ist auch schon
beim Wetterfleck angelangt. Und beide wollen die Urquellen
und die Werte und sonst noch was wieder mobilisieren. Da gehört
sehr viel Kritikbereitschaft dazu, daß man da nicht hineinkippt.
Bei mir draußen am Land, da ist es ja auch so, das alte Bauernhaus,
das Original sozusagen. Ich erfange mich eben dadurch, daß
ich dort meine Plastiken mache, für die regionale Materialien
und Elemente sehr wichtig sind und für die ich auch sehr viele
Einflüsse aus diesem Museum hier bezogen habe. Ich glaube,
so wird das dann eben diffiziler."
Sich darin zu üben, besser unterscheiden zu können, ist
auch für Michel Leiris eine zentrale Angelegenheit: "'Authentizität'
bedeutet nur etwas im Vergleich zu etwas anderem."
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