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Afghanistan
Einsamer Widerstand
Unbemerkt formiert sich in Afghanistan der Widerstand gegen die Sowjetinvasoren.

Profil, Wien. Nr. 21 / 1980

von Christian Reder*)

 

 

In Peshawar, der pakistanischen Provinzstadt am Fuß des Khaiber-Passes, läuft das übliche Exilspiel einander konkurrenzierender Politgruppen ab, und das größte Echo erzielen die PR-Talente, denen genügend Geld zur Verfügung steht, um ihre Organisation halbwegs repräsentativ in Szene zu setzen. Sie sind es, zu denen der örtliche Press-Commissioner und jeder Rikschafahrer die Vertreter der Weltpresse schleust. Und sie organisieren auch die kurzen, "geheimen" Ausflüge nach Afghanistan hinein, wo dann, zum Beispiel vom "Time Magazine" (Ausgabe vom 14. 4. 1980), die grenznahen Aktivitäten "der sechs großen, von Peshawar aus gesteuerten Gruppen des antikommunistischen Muslimwiderstandes" besichtigt werden können. Die damit gemeinten, eher orthodox-islamischen Exilparteien, die sich voneinander hauptsächlich durch die Person ihrer zerstrittenen Führer Khales, Hekmatiar, Rabani, Nabi Mohammadi, Mujadiddi und Gailani unterscheiden, werden dadurch zu den Kommandozentren des Widerstandes hochstilisiert. Alles paßt so ins vorgefertigte Bild vom irrationalen, in diesem Fall jedoch plötzlich heldenhaften heiligen Krieg gegen die Ungläubigen und für einen islamischen Staat. Aber auch engagiertere Berichterstatter, die sich in Kabul und unter den Flüchtlingen einen kritischen Überblick über die Situation und die Perspektiven verschaffen wollten, wie die internationale "Vereinigung demokratischer Juristen", unterliegen denselben Mechanismen. Der Fall scheint damit allen Seiten ziemlich klar, im rückständigen Afghanistan wehren sich bloß die Mullahs, die Orthodoxen, die unbelehrbaren Reaktionäre oder naive, benutzbare Widerständler.

Sich einem realistischeren Bild zu nähern ist schwierig, braucht Zeit, Zufälle. In den wenigen Krankenhäusern der Region sprechen wir mit den verstümmelten Opfern dieses Krieges, sie erzählen von Fliegerangriffen, Flächenbombardements, Kampfhandlungen. Ganze Täler und Dörfer sind zerstört, von den Bewohnern verlassen, in Paktia, bei Jelalabad, im Kunartal. Aus den grenznahen Gebieten sind bisher 700.000 Menschen nach Pakistan und vermutlich 300.000 in den Iran geflüchtet. Aus dem Landesinneren gelingt die Flucht nur wenigen. Auslösendes Moment war die Machtübernahme Tarakis im April 1978, speziell aber erst der Beginn massiver politischer Verfolgungen und militärischer Repressionen einige Monate später. Der Widerstand gegen inhaltlich wichtige, aber völlig unzureichend vorbereitete, diktatorisch angeordnete Reformen (Aufhebung der Schuldknechtschaft, Landreform, Stellung der Frau und anderes) und gegen rücksichtslose Eingriffe in die regional und ethnisch stark abweichenden Gewohnheitsrechte und Stammestraditionen wurde mit einer rigorosen Bekämpfung jeglicher Opposition beantwortet.

Die Geheimpolizei Aasa (später KAM), die Militärpolizei Sarandoy, die Parteimiliz der Demokratischen Volkspartei und Regierungstruppen "verteidigen" auf blutigste Weise den Regierungskurs. Es gibt allein in diesem Jahr Zehntausende Tote, grausamste Folterungen, tausende Hinrichtungen und zahllose politische Gefangene. Verläßliche Quellen nennen für die Herrschaft von Taraki und Amin, der, bevor er selbst Taraki stürzt, Premierminister und Geheimdienstchef war (und nach jetziger Kabul-Version auch noch CIA-Agent), die Zahl von 250.000 Toten und 150.000 politischen Gefangenen (siehe auch: "Amnesty International Report", September 1979). Die vorerst beratende, dann direkt militärische Beteiligung der Sowjetunion an diesem Bürgerkrieg hat die Kämpfe verschärft und dem Widerstand die zusätzliche Motivation geliefert.

Unter den Flüchtlingen in Pakistan ist von einer Kampfbegeisterung aber nicht allzu viel zu spüren. Sie haben keine Waffen, außer ein paar alten Renommierflinten, und durch die monatelange Untätigkeit verbreitet sich eine gewisse Resignation und Apathie. Die zehn der 57 offiziellen, von Pakistan und der UNO betreuten und die Dutzende wilden, unorganisierten Lager, die wir in den entlegendsten Gegenden in drei Wochen besucht haben, sind jedenfalls keine Militärbasen oder Ausbildungslager. Hier hausen jeweils Tausende, manchmal Zehntausende Menschen auf engstem Raum in eiligst errichteten Zeltlagern, bisher ohne jede medizinische Betreuung, ohne Sanitäreinrichtungen, bei dürftigster und unregelmäßiger Versorgung mit Lebensmitteln. Sicher gehen viele immer wieder zurück über die Grenze, um zu kämpfen, aber eher in Form eines Schichtdienstes, sich an einer der eingesetzten Waffen ablösend.

Die Informierteren unter ihnen ahnen, daß sie allein stehen, daß sich das plötzliche Weltinteresse bloß auf "echte", also internationale Kriegsereignisse und auf die sowjetischen Absichten, nicht aber auf Afghanistan selbst konzentriert.

Wahrscheinlich wären auch wir ohne jede greifbare Perspektive wieder abgereist, wenn uns nicht wenigstens vom Widerstand in Afghanistan ein Eindruck vermittelt worden wäre, der sich wesentlich von der orthodox-reaktionären Abstempelung unterscheidet. Informationsquelle dafür waren insbesondere die langen Gespräche mit dem Guerillakommandanten der Provinz Nuristan, einem den Hinrichtungskommandos in Kabul entkommenen Arzt mit dem Decknamen Dr. Satar, mit Abdul Quader, dem Kommandanten der Region Badel bei Chagha-Sarai, mit dem interimistischen Vorsitzenden der Volksräteversammlung (Loya Djirga) Babrakzai, mit einem lange inhaftierten und schwer gefolterten Journalisten der großen Tageszeitungen "Anis" und "Eslah", mit Vertretern der sozialdemokratischen Partei Afghan Mellat und der Jusogruppe Mellat.

Ihre Auskünfte und Beurteilungen decken sich weitgehend. Die Mujaheddin ("Freiheitskämpfer"), wie inzwischen alle Guerillaeinheiten genannt werden, führen nicht den heiligen Krieg der Orthodoxie oder den Abwehrkampf einer feudalen Stammesgesellschaft - die Feudalherren sind größtenteils geflüchtet -, sondern sind viel eher auf dem Weg zu einer Nationalen Befreiungsfront, in der vorläufig ideologische Differenzen zurückgestellt werden. Die propagandawirksamen Aktionen der von Peshawar aus gesteuerten Parteimilizen beschränken sich fast nur auf den grenznahen Raum. Zwischen den Exilparteien und hier speziell den relativ finanzstarken Islamparteien und dem organisierten Widerstand im Lande bestehen bisher praktisch keine Beziehungen. Die Regierungs- und Interventionstruppen kontrollieren nur die Städte und die wichtigsten Verkehrswege. Ganze Provinzen, wie Nuristan und die angrenzenden Gebiete im Nordosten des Landes, sind fest in der Hand des Widerstandes. Er ist im wesentlichen nach überschaubaren Regionen und damit vorrangig nach Stammeszugehörigkeiten organisiert, aber überregionale Kommandotrupps und Planungsstellen sind im Aufbau. Die Versorgungslage ist vor allem in den umkämpften Gebieten sehr angespannt, es fehlen Nahrungsmittel, weil die Felder vielfach nicht bestellt werden können, es gibt kaum mehr Medikamente. Waffen und Munition stammen aus alten Beständen, aus Überfällen auf Kasernen, Depots und Transporte sowie von den zahlreichen Überläufern aus der Regierungsarmee. Daß es vom Ausland her Waffenlieferungen gegeben hätte, wird energisch und enttäuscht verneint. Die gefährlichste Waffe des Gegners sind die gepanzerten Mi-24-Hubschrauber, die mit Infrarotgeräten auch versteckte Menschen, Unterstände und Höhlen aufspüren, ohne daß dagegen irgendwelche Abwehrmittel eingesetzt werden können. Nach der Schneeschmelze im Gebirge wird sich aber ihre eigene Beweglichkeit und Kampfkraft wieder stark erhöhen. An einen militärischen Sieg will niemand denken, eine Eroberung von Kabul wird bei derzeitigem Kräfteverhältnis ausgeschlossen. Die Argumente darüber, wer sie, ohne unerwünschte Bedingungen zu stellen, im Lande selbst unterstützen sollte, sind unsicher, von undeutlichen, teils naiven Hoffnungen geprägt. Auffällig ist die von verschiedenster Seite bestätigte Zurückhaltung islamischer Staaten, sich in der Afghanistanfrage politisch oder durch materielle Hilfe besonders stark zu engagieren.

Gegenüber einer Carter-Brzezinski-Politik besteht ein tiefverwurzeltes Mißtrauen, das sich immer wieder auf die bisherige amerikanische Politik in diesem Raum beruft. Der Olympiaboykott und ähnliches wirken auf die unmittelbar an den Kämpfen und an der Opposition Beteiligten als sehr ferne, abstrakte Ereignisse, über die eher bitter gelächelt wird. Die meisten wissen gar nichts davon.

Politisches Ziel des Widerstandes ist die Fortsetzung des Kampfes für ein unabhängiges Afghanistan auch unter schwierigsten Bedingungen und für eine demokratische Staatsform. Der Islam als Grundlage der afghanischen Gesellschaft steht außer Streit, nur haben seine klerikalen Überspitzungen und politischen Machtansprüche in den Zukunftsüberlegungen keinesfalls einen dominierenden Stellenwert. Über ein konkretes Modell gibt es noch keine genaueren Vorstellungen, und es wird auch kein bestimmter Staat als Vorbild anerkannt, mit der Begründung, daß in der islamischen Welt zuviel in Bewegung geraten ist und jedes Land einen eigenen Weg versuchen sollte. An eine Rückkehr des Königs Zahir Shah, der seit 1973 im römischen Exil lebt, denkt nur eine unbedeutende Splittergruppe unter den Exilparteien. Verhandlungen mit Babrak Karmal sind für alle unvorstellbar, weil er als sowjetische Marionette gilt und für die brutalen Unterdrückungsmaßnahmen mitverantwortlich ist. Von einer Neutralisierung hält zum Beispiel Dr. Satar wenig, weil sie wieder eine ausgewogene Überwachung des Landes und eine Einmischung in dessen innere Angelegenheiten mit sich bringen würde. Auslandskontakte des kämpfenden Widerstandes können erst jetzt anlaufen, nach einer Konsolidierung der militärischen Lage in den Nordostregionen.

Zum entscheidenden Instrument des politischen Handelns könnte die Loya Djirga werden, die große Bundesversammlung, mit gewählten und delegierten Vertretern aller Stämme und Regionen, die Anfang Mai jenseits der Grenze, in Peshawar, zusammengetreten ist. Sie ist ein Instrument für echte Krisenzeiten oder grundsätzliche Entscheidungen und hat seit der Gründung Afghanistans im Jahre 1747 nicht mehr als zehnmal getagt, zuletzt etwa im Zweiten Weltkrieg, zur Verabschiedung der ersten Verfassung und unmittelbar nach der sowjetischen Intervention. Ihre derzeit 3000 Mitglieder, die Unterausschüsse und noch zu wählenden Vertreter sollen die Organisation einer Nationalen Befreiungsfront festigen, eine neue Verfassung ausarbeiten, die Finanzierung des Widerstandes und die Auslandskontakte auf eine breite und koordinierte Basis stellen. Die Loya Djirga und die kämpfenden Widerstandsgruppen haben dieselbe regions- und stammesbezogene soziale Verankerung, und es könnte ihnen gemeinsam gelingen, eine halbwegs geschlossene Oppositionsbewegung zu bilden, der sich auch die etwa zwanzig zersplitterten Exilparteien unterordnen.

Für eine solche Chance spricht, daß die politischen Parteien noch längst keine Massenbasis haben, sie bisher nie unbeschränkt zugelassen waren, die ersten, zumindest ansatzweise demokratischen Wahlen erst 1965 stattgefunden haben. Keine einzige Partei und speziell nicht die autoritär geführte Demokratische Volkspartei Babrak Karmals ist so weit im Volk verankert, daß sie Vermittlungsinstrument politischer Erneuerung und notwendiger Reformen sein könnte. Auch war der Einfluß jeder Zentralregierung immer unbedeutend und auf die städtische Bevölkerung (13%, z. B. im Iran 50%) konzentriert. Die dominierende soziale Struktur ist die ethnisch, regional und nach Familien gegliederte bäuerliche Dorf- und Stammesorganisation, deren Milizen auch im Widerstand die führende Rolle spielen. Sie wurden verstärkt durch oppositionelle Städter und Mitglieder der Intelligenz. Ein aktivierbares Potential an Industriearbeitern fehlt völlig. Es ist die Masse der rund zehn Millionen Bauern, um die es geht. Die eine Million Nomaden sind eine ziemlich isolierte Minorität (Gesamtbevölkerung: 12 bis 15 Mill.). Und entgegen gängigen Schilderungen haben gerade im sunnitischen Afghanistan die Mullahs keinen allzu starken meinungsbildenden Einfluß.

Daher bildet eine primär von den Stammesorganisationen getragene Widerstandsfront für die jetzt nur mehr 20.000 bis 30.000 Mann umfassende Regierungsarmee und für die 100.000 Mann Sowjettruppen einen schwer zu bekämpfenden Gegner. Und sie könnte auch zum geeigneten Forum für eine Veränderung starrer Einstellungen und Strukturen werden. Jedenfalls erscheint es als absurde Fehlinterpretation gesellschaftlichen Fortschritts, wenn nicht das im ganzen Land fest verankerte System der Djirga, der Ratsversammlungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene als zentrales Überzeugungsforum eingesetzt wird. Unter dem einigenden Druck von außen und durch Veränderungen der Lebensweise im Widerstandskampf, speziell etwa der Rolle der Frau, könnten Prozesse beschleunigt werden, deren Einleitung hier bisher keiner Instanz gelungen ist, ohne gleichzeitig achtenswerte Elemente des sozialen Verhaltens zu zerstören oder eine Politik der eigenen Interessen zu betreiben.

 

*) Dr. Christian Reder hat mit der Ärztin Dr. Uta Pichl und dem in Wien lebenden Afghanen Nassim Jawad drei Wochen lang die Flüchtlingslager in Pakistan bereist und ein Programm für österreichische Hilfsmaßnahmen ausgearbeitet.

Das "Österreichische Hilfskomitee für Afghanistan" bittet um Spenden für seine Flüchtlingshilfe-Projekte:
- Einrichtung eines Basisgesundheitsdienstes (Zeltlazarett, med. Betreuungswagen, Medikamente)
- spezielles Mutter-Kind-Gesundheitsprogramm
- Impf- und Tbc-Programm
- Ausbildung med. Hilfskräfte, Gesundheits- und Hygieneerziehung
- Lernbehelfe für Lagerschulen
- Aufbau von Handwerks-Kooperativen
Diese Vorhaben konzentrieren sich auf drei benachbarte Lager im Norden Pakistans für insgesamt 20.000 Menschen. Es sollen Modellfälle aufgebaut und dann in das UNO-Programm eingegliedert werden. Afghanisches Personal steht bereits zur Verfügung; ein effizienter, nutzbringender Einsatz der Mittel wird sichergestellt.

 

 
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© Christian Reder 1980/2001