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Afghanistan: Bitterkeit und ferne Hoffnungen

AZ - Arbeiter-Zeitung, Wien, 18.12.1981

von Christian Reder

 

 

Den zweiten Jahrestag der sowjetischen Intervention am 27. Dezember werden die Schwestern Fahima und Jamila als Flüchtlinge in Wien verbringen, ohne konkrete Hoffnungen auf eine Änderung der Situation in ihrem Land, in Sorge um ihre Angehörigen, aber wenigstens mit einigermaßen gesicherten persönlichen Zukunftsaussichten. Die Technische Universität hat sie erfreulicherweise bereits zugelassen und sie können dort nach bestandener Deutschprüfung ihre begonnenen Studien fortsetzen (Elektrotechnik, Architektur). Nur Stipendien wären noch notwendig, um ihre Abhängigkeit von vereinzelten privaten Spenden aufzuheben.

Den schweren Entschluß, nach Pakistan zu flüchten, wo keineswegs irgendeine gesicherte Freiheit wartet, haben mit ihnen inzwischen weit über zwei Millionen Afghanen getroffen (15 % der Gesamtbevölkerung). Dort sind die beiden Mädchen mit dem österreichischen Hilfskomitee in Kontakt gekommen, für das sie ein Jahr lang als medizinische Hilfskräfte in den Lagern gearbeitet haben, bevor wir für sie Visa nach Österreich vermitteln konnten und damit wenigstens gewisse eigenständige Entwicklungsmöglichkeit.

Wie bei tausenden anderen überzeugt demokratischen, vielfach zu revolutionären Veränderungen bereiten Angehörigen der Intelligenz, hat auch bei ihnen der blutige Terror rasch wechselnder Regime die Motivationen zu einer konstruktiven Beteiligung an der Regierungspolitik restlos zerstört. Zuerst waren in Daud gewisse Hoffnungen gesetzt worden (Ausrufung der Republik 1973), dann verstärkt in Taraki ("April-Revolution" 1978). Das rasche Scheitern seiner "Revolution per Dekret" schlug in die Schreckensherrschaft von Amin um und dann kam die Sowjet-Armee. Während der folgenden Unruhen und Protestdemonstrationen wurden auch Fahima und Jamila verhaftet.

Die damals achtzehnjährige Jamila war über einen Monat im berüchtigten Pul-i-charchi-Gefängnis, einer Art Konzentrationslager im Norden Kabuls. Was sie dort selbst mitmachen und mitansehen mußte, das deutet sie manchmal an, genauere Schilderungen wollten wir ihr bisher ersparen, weil uns die Zustände dort aus vielen anderen Aussagen vor Augen stehen. Aber auch nachdem sie freikamen, blieb es bei einer ständigen Bedrohung. Jede Äußerung, jeder Kontakt mit regimekritischen Personen, jede Denunziation konnte zu einer neuerlichen Verhaftung mit ungewissem Ausgang führen. Laufend verschwanden Freunde und Verwandte. Weder im Stillhalten und Abfinden, noch im isolierten Aufbegehren lag noch eine Chance.

Die große Masse der Flüchtlinge sind aber arme Bauern, die ihre Dörfer verlassen mußten,weil sie dort keine Existenzmöglichkeit mehr haben. Zahllose Häuser sind zerbombt, weite Flächen aus der Luft vermint, die Bewässerungsanlagen unbrauchbar. In den Kampfgebieten können die Felder nicht mehr bestellt werden. Die Männer entziehen sich so gut es geht drohenden Verhaftungen oder dem verhaßten Militärdienst, Familien, die nicht mehr weiter wissen, schlagen sich über die Grenze durch.

Dort erwartet die Flüchtlinge ein elendes Dasein in einem der zweihundert riesigen Lager, die notdürftig von der UNO, der pakistanischen Verwaltung und einzelnen Hilfsorganisationen versorgt werden.

Die ursprüngliche Hoffnung vieler, daß sich im Exil die komplizierten gegensätzlichen Interessenslagen in einer nationalen Befreiungsfront gegen die Fremdherrschaft zusammenfassen ließen, sie hat sich bisher nicht erfüllt. Die sechs finanzstarken Exilparteien sind in ihre eigenen Machtspiele verstrickt, ohne politische Alternativen zu bieten, die wirklich eine breite Unterstützung finden. Sie sind stark von ihren Führerfiguren geprägt und nur undeutlich von einander zu unterscheiden. Einem "rechten" Flügel der "Islamischen Allianz", in der sie sich nominell zusammengeschlossen haben, sind die Parteien von Gulbuddin Hekmatyar, Khales, und Rabbani zuzurechnen. Als "liberaler" verstehen sich jene von Gailani, Mohammedi und Mujadidi. Alle unterhalten bereits aufwendige Auslandsbüros, haben eine routinierte Organisation für die Pressebetreuung und damit ein weit höheres internationales Gewicht, als ihnen aufgrund ihrer Aussagen und Anhängerschaft zukommen dürfte. Die Vertreter potenter Medien (vom Time-Magazine bis zum Spiegel) lassen sich von ihnen Ausflüge ins grenznahe Kampfgebiet organisieren und verbreiten dann in der Regel in ihrem Sinn gefilterte Informationen. Daß die Hauptlast des Widerstandskampfes regionale, unabhängige Gruppen tragen, die ihre Dörfer und Gebiete verteidigen und eine verhaßte Macht bekämpfen, sowie von der Existenz verschiedenster politischer Gruppierungen, die sich um den Aufbau längerfristig tragfähiger Konzepte und Strukturen bemühen, davon ist dann bestenfalls ganz am Rande die Rede.

Im eingespielten Prozeß internationaler Berichterstattung und Kontaktaufnahmen gehen die noch nicht etablierten Organisationen unter. Es hat den Anschein, als ob man sich allgemein damit abgefunden hätte, daß am afghanischen Status Quo nichts zu ändern ist. Die islamischen Honoratiorenparteien und ihre relativ gut ausgerüsteten, aber zahlenmäßig unbedeutenden Kampfgruppen erhalten zwar nicht unbeträchtliche ausländische Mittel, aber eher in Form von Abfallprodukten internationaler Politik, als im Sinne eines erkennbaren Zweckes. Es werden, wie sooft, die Falschen gwfördert, vielleicht weil kalkulierbare Partner immer noch besser dazu passen, als solche, die schon in einer Aufbauphase eine uneigennützige Förderung brauchen würden.

Die über zwanzig kleineren, zwischen Kabul und dem Islamkurs stehenden Parteien schaffen es bisher erst vereinzelt und ansatzweise, zu konkreten Auslandskontakten zu kommen. Genausowenig wie die, sich im Lande selbst gebietsweise formierenden Widerstandsorganisationen verfügen sie noch nicht über hinreichend anerkannte Repräsentanten, die sich im Ringen um Auslandshilfe und politische Unterstützung durchsetzen könnten.

Demokratische Bestrebungen werden sehr rasch als maoistisches oder sonst wie irregeleitetes Sektierertum verteufelt. Dies fällt umso leichter, seit das Regime in Kabul das linke Vokabular für sich gepachtet hat und es daher schwierig ist, sich über weiterhin notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu verständigen, ohne eines Rückfalls in die verfemten - und quasi verbotenen - Phrasen von Taraki, Amin und Karmal bezichtigt z u werden.

Mit zunehmendem Bewußtsein, daß auf eine gewisse Sympathie von Teilen der Weltöffentlichkeit keine politisch wirksamen Aktionen folgen, verstärken sich Rückzugstendenzen. Nicht mehr die Exilszene, sondern der einsame, regional organisierte Widerstand wird zum Zentrum der Aktivitäten. Die kampffähigen Männer gehen immer wieder zurück nach Afghanistan und lösen sich dort an den verfügbaren Waffen ab. Verschiedene der im Ausland ohne Echo gebliebenen politischen Gruppen versuchen, die Landbevölkerung in ihrem Sinn zu beeinflussen. Viele der als "befreit" geltenden Gebiete haben defacto eigene Regierungen gebildet, wie etwa jene von Hazarajat, Panjsher oder Nuristan. Basis ist das traditionelle Ratsversammlungssystem (Djirga), das sich bereits von den Feudalstrukturen abgelöst hat und zu neuen - demokratisch geprägten - Formen führt. Sie wissen, dass sie sich im Gebirge infolge ihrer Ortskenntnis und Genügsamkeit sehr lange halten können und das ist vorerst ihre konkrete Hoffnung.

In dieser tragischen Situation hat sich die Österreichische Hilfsaktion darauf konzentriert, nicht einfach irgendwelche Waren abzuliefern sondern eine wirkungsvolle Kleinorganisation zu schaffen, die in einer Region - mit zwei großen Lagern und 5o.ooo Flüchtlingen - einen Gesundheits-und Sozialdienst aufgebaut hat, der auch längerfristig eine positive Funktion erfüllen soll. Es wurde bewußt nicht mit den Stärken von Großorganisationen wie der UNO konkurriert, die Massenprobleme angehen (Zelte, Decken, Standardnahrung, Wasserversorgung, Seuchenbekämpfung),sondern versucht, eigene Qualitäten einzusetzen. Unsere Mitarbeiter sind fast durchwegs selbst afghanische Flüchtlinge, die Sprache, Bedürfnisse und soziale Verhältnisse kennen. Auch der Leiter des Programms, Nassim Jawad, der sonst in Wien lebt, ist ein Afghane. Die Konzeption und Organisation wurden gemeinsam entwickelt, die Finanzgebarung und Mittelverwendung unterliegen einer rigorosen Kontrolle. So besteht inzwischen seit eineinhalb Jahren eine wirkungsvolle afghanische Selbsthilfeorganisation, die von uns finanziert, beraten und beaufsichtigt wird.

Indem es gelungen ist, praktisch die gesamte aus Österreich kommende Hilfe in einem konzentrierten Programm zusammenzufassen und qualifizierte ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden, kommen nachweisbar über 90 % der Mittel direkt den Flüchtlingen zugute (der Rest ist unvermeidlicher Reise- und Verwaltungsaufwand). Es sind drei mobile Ärzteteams mit knapp zwanzig Beschäftigten im Einsatz, eines davon unter weiblicher Leitung speziell für Frauen und Mädchen. Durch das Vertrauen, das wir uns in monatelanger Arbeit erwerben konnten, gelang eine schrittweise Programmausweitung, die von Vorsorgemaßnahmen (Initiativen zur Wasserversorgung, Hygieneunterricht, Ausgabe von Zusatznahrung) über den ständigen täglichen Ambulanzbetrieb, ein spezielles Mutter-Kind-Programm, eigene Laboranalysen, die Versorgung von Schwerkranken in Spitälern bis zum Aufbau von Lagerschulen und Handwerks-Kooperativen reicht.

Zur Finanzierung haben viele tausend Spender, die Bundesregierung, die Caritas und der "Solidaritätsfonds für die Kinder der Dritten Welt', die Volkshilfe (mit ihren "Österreich-Paketen") und verschiedenste Firmen mit Medikamenten- und Sachspenden beigetragen. Die derzeit verfügbaren Mittel reichen nur mehr für zwei Monate, es liegen aber Angebote englischer, norwegischer und schweizer Organisationen vor, unser Programm weiterzufinanzieren, weil es verschiedenste Delegationen und Berichte als besonders wirkungsvoll bezeichnet haben. Wenn eine solche multinationale Ausweitung einer österreichischen Initiative gelingt (um die dafür notwendige Überbrückungsfinanzierung sind wir derzeit bemüht), dann könnte sie durchaus zu einem Modellfall dafür werden, wie an den Schnittstellen von Katastrophen- und Entwicklungshilfe auch mit vergleichsweise geringen Mitteln sinnvoll eingegriffen werden kann. Indem wir nicht einfach kommen und gehen wollten, sondern eine im Kern afghanische Organisation aufgebaut und vom Einfluß fragwürdiger Exilparteien abgeschirmt haben, ist es uns vielleicht auch gelungen, gerade jenen Kräften Mut zu machen, die zwischen der ferngesteuerten Militärdiktatur Kabuls und den islamisch verbrämten Machtinteressen der etablierten Exilparteien nach Möglichkeiten suchen.

 

 
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© Christian Reder 1981/2001