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www.ChristianReder.net: Publikationen: " ... ein Menschenrechtsministerium stelle ich mir schrecklich vor"
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" ... ein Menschenrechtsministerium stelle ich mir schrecklich vor"
Gespräch mit Else Parth von amnesty international

Falter, Wien, Nr. 2/1983

1961: Juri Gagarin fliegt als erster in den Weltraum, im Kongo sterben unter vielen anderen auch Patrice Lumumba und Dag Hammarskjöld, eine Invasion Kubas scheitert in der Schweinebucht, Stalins Leichnam wird aus dem Mausoleum am Roten Platz entfernt. In Israel endet der Prozeß gegen Adolf Eichmann mit dem erwarteten Todesurteil. Die Rebellion französischer Generäle gegen de Gaulle und gegen die Unabhängigkeit Algeriens bricht zusammen. Adenauer wird ein viertes Mal Bundeskanzler, die Berliner Mauer wird gebaut. In Wien treffen sich Kennedy und Chruschtschow. "Der Herr Karl" führt den Österreichern ihre Spielarten des Opportunismus vor. In London gründet der Rechtsanwalt Peter Benenson "amnesty international" (1970 entsteht auf Initiative von Günther Nenning auch eine österreichische amnesty-Gruppe).
Benenson hatte sich vorher als Gewerkschafter, Mitglied der Labour Party und überzeugter Katholik jahrelang für verfolgte spanische Demokraten engagiert. Unmittelbarer Anstoß für die Gründung von amnesty war eine Zeitungsmeldung über zwei portugiesische Studenten, die wegen kritischer Bemerkungen über das Regime Salazar zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Mit einem Artikel im Observer ("Die vergessenen Gefangenen ") wurde eine Kampagne "Appeal for Amnesty" eröffnet, deren starkes Echo schon in wenigen Monaten durch Gründung von Auslandsgruppen, zur Herausbildung einer internationalen Organisation und bald zur Erlangung des beratenden Status bei den Vereinten Nationen führte. Der Mitbegründer Sean MacBride, früher aktiv in der irischen Unabhängigkeitsbewegung, war jahrelang eine der führenden Kräfte. Er erhält 1974 den Friedensnobelpreis und erstaunlicherweise im Jahr darauf auch den Leninpreis. Erstaunlich, weil zuvor amnesty sogar eine Unterwanderung durch CIA und British Intelligence Service vorgeworfen worden war. In unseren Breiten dominiert jedoch in der Regel der Vorwurf einer Linkslastigkeit, von anderer Seite wird amnesty immer wieder ais reaktionäre "bourgeoise" Organisation abqualifiziert. An der unverminderten Notwendigkeit der amnesty-Aktionen haben solche Anschuldigungen nichts geändert.
Else Parth ist Sprecherin der amnesty-Gruppe 11 (Wien-Favoriten) und Vorstandsmitglied der Österreichischen Sektion von amnesty international (Referentin für Gewerkschaften).

Das Gespräch mit Else Parth führte Christian Reder.

 

 

 

 

"Im Grunde geht es ja um Selbstverständlichkeiten"

Bei unserer Arbeit geht es in erster Linie um eine direkte Hilfe für Gewissensgefangene, um die Forderung nach korrekten Gerichtsverfahren und um die generelle Bekämpfung von Folter und Todesstrafe. Wer sich unsere Jahresberichte oder den Rowohlt-Atlas "Hunger und Waffen" durchsieht, dem wird die Notwendigkeit eines aktiven Eintretens für die Menschenrechte hoffentlich deutlicher bewußt werden, als durch die üblichen punktuellen EinzeInachrichten. In drei Viertel der erfaßten Staaten gibt es politische Gefangene, von jedem zweiten ist bekannt, daß dort regelmäßig gefoltert wird und erst rund ein Zehntel aller Staaten hat die Todesstrafe vollständig abgeschafft. Daher ist es einfach einmal wichtig, daß es amnesty überhaupt gibt und daß neben dem Einsatz für einzelne Gefangene immer auch aufgezeigt wird, was in dem betreffenden Land alles passiert, was dort an staatlicher Gewalt möglich ist, aber auch an Auflehnung, Protest und Widerstand. Ich glaube, daß wir ziemlich oft ermutigend wirken können und in gewissem Umfang auch vorbeugend. Amnesty kann über seine Öffentlichkeitsarbeit, mit seinen Briefaktionen und mit seinem internationalen Einfluß durchaus Druck ausüben. Wir bemühen uns ständig, daß wir noch rechtzeitig kommen, und gewisse Chancen dazu haben wir auch. 1981 hatte amnesty immerhin 5.000 Menschen als gewaltlose politische Gefangene adoptiert oder es wurden ihre Fälle untersucht, und über 1.000 von ihnen kamen in diesem Jahr frei. Ob das jedesmal ein "Erfolg" von uns war, das wollen und können wir sehr oft nicht zweifelsfrei feststellen. Den Großteil unserer Arbeit kann man einfach nicht mit Fakten und Zahlen messen. Den kann man empfinden, spüren, vermuten, man kann hoffen. Ich kann und will es nicht als eine Art Verwaltungsarbeit sehen, wenn mir ein gefolterter Mensch seine furchtbaren Erlebnisse schildert, wenn er versucht, durch Worte das Trauma von Elektroschocks oder Vergewaltigungen loszuwerden.

Normalerweise müssen wir um alles bitten. Aber ich will eigentlich oft nur noch fordern, denn im Grunde geht es ja um Selbstverständlichkeiten: Um die Wahrung der Menschenwürde und um die Einhaltung der Menschenrechte, zu denen sich formell ja fast alle Staaten bekennen, aber meistens eben nur formell. Welche Politiker treten denn schon konsequent für die Menschenrechte ein? Wer von ihnen zeigt schon offen Mitgefühl? Und an eines glaube ich ganz entschieden, daß nämlich Entfernungen hier keine Rolle spielen dürfen. Gewalt wird nicht weniger gewaltsam, wenn sie weit weg von uns passiert. Aber das, was in unserer unmittelbaren Nähe vor sich geht, das braucht natürlich dieselbe Aufmerksamkeit. Wenn Österreich zum Beispiel an die brutale Diktatur in Argentinien Panzer liefert, dann müssen wir rücksichtslos aufzeigen, daß das unvertretbar ist und wir haben es auch getan. Mit dem Arbeitsplatzargument, das ich ansonsten ernst nehme, ließe sich alles mögliche auf letztlich fadenscheinige Weise rechtfertigen. Die Steyr-Werke hätten längst ihr Produktionsprogramm ändern müssen und es gehören endlich Leute eingesetzt, die dazu fähig sind.Das Problem ist ja keineswegs neu.

Maximum an Selbstverwaltung - Minimum an Kosten

Es ist doch sehr signifikant, daß der Einsatz für Menschenrechte vielfach von staats- und wirtschaftsfernen Organisationen wahrgenommen werden muß auf der Basis eines freiwilligen, meist unbezahlten Engagements. Für amnesty gesprochen glaube ich sogar, daß wir gerade deshalb eine so ehrliche und konsequente Institution geworden sind, der man einfach glauben soll (das Wort muß würde mich hier stören), weil es bei uns nicht um Geld geht, nicht um Karrierechancen, nicht um sorgsamst abgestimmte Interessensvertretungen. Das Vermeiden einer politischen Einseitigkeit unserer Arbeit ist für uns sehr wichtig, aber mathematisch ausgewogen kann diese nie sein, und irgendwer wird immer etwas auszusetzen haben, und das ist auch gut so.

Vielleicht sind wir wirklich zugleich auch Pioniere einer motivierenden Arbeitsweise: basisdemokratischer Aufbau, weitgehend autonome Arbeitsgruppen (in Wien etwa dreißig), ein Maximum an Selbstverwaltung. Die Londoner Zentrale hat die Funktion einer Drehscheibe für Informationen, für die Dokumentation, für politische Kontakte, für die internationale Öffentlichkeitsarbeit. In Wien arbeiten außer einer angestellten Sekretärin und fünf bis sechs Zivildienern alle kostenlos. Damit entsteht auch von vorneherein eine Gleichwertigkeit von Gruppen- und z. B. Vorstandsmitgliedern. Wir haben sogar keinen Generalsekretär, wie er sonst üblich ist, sondern einfach einen Sprecher der Österreichischen Sektion (z. Z. Franz Schneider, von Beruf AHS-Lehrer).

Das heißt, wir haben es also geschafft, unsere Arbeit ohne Organisationsaufblähung, Vereinsmeierei und mit einem Minimum an fixen Kosten zu leisten. Ich würde es als eher bedenklich ansehen, wenn amnesty größer oder reicher wäre. Dann müßten nämlich wahrscheinlich auch wir bürokratischer werden. Ein internationales amnesty-Ministerium, eine Art Menschenrechtsministerium, wo Leute angestellt sind, wo es Geldgeber gibt, das stelle ich mir schrecklich vor. Gerade weil wir eine arme Organisation sind (in Österreich sind pro Jahr etwa zwei bis drei Millionen Schilling verfügbar), die auf eine freiwillige Mitarbeit angewiesen ist, geht es eben primär um das persönliche Engagement des Einzelnen und der Gruppen, das woanders so selten zu finden ist und um ein Gefühl für den Mitmenschen, der irgendwo leidet, der ungerecht behandelt wird. Als konventionelle Organisation könnte amnesty nie so funktionieren wie jetzt. Menschenrechtsanliegen lassen sich sehr schwer mit der Erhöhung einer Summe echter, aktiver machen. Ein Denken nach dem Schema "hier Geld - dort Aktivität" ist dabei kaum möglich. Bei uns steht eindeutig das Engagement im Vordergrund. Welche etablierte Organisation fördert es oder fragt überhaupt nach solchem Engagement? Daß weltweit 320.000 Mitglieder (in 154 Ländern) freiwillig für amnesty Arbeit leisten, könnte ja auch als Symptom für ein breites Bedürfnis nach sinnvoller Arbeit, nach nicht oder weniger entfremdetet "Eigenarbeit" im weiteren Sinn, gewertet werden, das im normalen Arbeits- und Organisationsalltag nicht abgedeckt wird.

"Es erfordert viel Geduld"

Natürlich läßt es sich nicht verheimlichen, daß es auch bei amnesty Probleme mit Monotonie, Kleinarbeit und Ausdauer gibt. Viele kommen mit der Vorstellung, jetzt werde ich aktives Mitglied, schreibe ein paar Briefe, und eines Tages ist der betreute Häftling frei oder steht sogar am Flughafen in Schwechat und der Erfolg und die Anerkennung sind dann auch da. Tatsächlich ist es aber überhaupt nicht so. Es dauert wirklich oft Jahre und erfordert viel Geduld bis sich überhaupt ein Kontakt herstellen läßt, und so schleicht sich auch viel Mutlosigkeit und Apathie ein. Es gibt bei amnesty relativ wenig direkten Erfolg und sehr viel Kleinarbeit, und darauf muß sich jeder auf seine Weise einstellen können. Eine Gruppe, die einen Häftling adoptiert, muß es sich daher sehr gründlich überlegen, ob sie tatsächlich auf längere Sicht die Energie zu einer solchen individuellen Betreuung aufbringt, damit sie bei niemandem falsche Hoffnungen weckt.

Aber ich will auch noch auf etwas anderes kommen, auf Medien und Meinungsfreiheit. Amnesty als Institution wird bei uns im allgemeinen ja nicht unfreundlich behandelt, aber die Menschenrechte und speziell deren Verletzungen haben in der Öffentlichkeit noch immer einen sehr geringen Stellenwert. Gegen Gewalt und gegen Haß auf alles Fremde, Andersdenkende oder gegen die geheimen Sehnsüchte nach einer starken Hand wird oft nur sehr lau aufgetreten, in den Medien, in den Schulen und sonst wo. Wer von Zivilcourage spricht, der gilt offenbar für viele als Ausländer. Und es müßte einem auch zu denken geben, daß amnesty aufgrund eines Artikels im Observer, auf den dann unter anderem auch Le Monde reagiert hat, entstanden ist, und zwar sehr rasch in mehreren Ländern. Da spüre ich dann immer noch die Abgeschlossenheit der "Weltstadt" Wien. Es war ja auch die Gründungsgruppe in London sehr stark von Rechtsanwälten geprägt, während wir in Österreich eher Schwierigkeiten mit der Unterstützung durch Anwälte oder rechtsprechende Menschen haben. Einige wenige setzen sich sehr ein, aber eben nur einige wenige.

"Es gibt keine Abhängigkeiten"

Warum ich in der SPÖ arbeite und bei den Sozialistischen Frauen? Weil ich versuche, das Parteiprogramm ernst zu nehmen. Weil ich mehr Sozialismus, mehr Verständnis für Menschenrechte und mehr internationale Solidarität mit Unterdrückten in die Partei hineinbringen will. Ich bin also für einen endlich praktizierten Sozialismus. Für mich ist Sozialismus keine Utopie.

Aber ich möchte betonen, daß meine Arbeitskraft und mein Einsatz jetzt in erster Linie amnesty gelten. Ich bin auch länger bei amnesty als in der Partei. Natürlich könnte man sagen, das ist irgendwie verkehrt, zuerst müssen doch immer normale politische Aktivitäten kommen und die kann man dann vielleicht erweitern, aber das ist ein zu enges Denken. Die Menschenrechte, so wie sie 1948 im Rahmen der UNO formuliert wurden, die bauen nicht nur auf sozialistischem Gedankengut auf. Die Ansätze dazu kommen ja aus den verschiedensten Traditionen. Und verletzt werden die Menschenrechte täglich, in allen Gesellschaften, egal welche ideologische Bezeichnung ihnen aufgedrückt wird.

Bei amnesty fühle ich mich jedenfalls freier. Ich kann in die Öffentlichkeit gehen, ohne Rücksichten auf die partikulären Interessen irgendwelcher Obrigkeiten. Ich arbeite da mit wirklich engagierten Menschen zusammen, die ihrerseits viele Selbstzweifel haben, und wir üben alle ein demokratisches Verhalten, ohne daß uns irgendetwas vorgeschrieben wird. Sehr vieles davon könnte ich in der SPÖ nie. Für mich wäre der normale hierarchische Weg einfach viel zu hemmend. Bei amnesty kann jeder auch ohne "Position" aktiv sein und ohne kleinliche Kompetenzschwierigkeiten. Niemand würgt den Einsatz für die Ziele der Organisation ab.

Es lohnt sich auch einmal zu überlegen, wie öffentliche amnesty-Äußerungen oder Berichte zustandekommen: Wenn die falsch oder schlampig recherchiert wären, würde das der Organisation außerordentlich schaden und zwar weit mehr, als abweichende Meinungen oder vielleicht sogar offensichtliche Lügen einer Partei oder einer integrierten Organisation schaden können. Bei amnesty gibt es kein Personalauswahlsystern und auch kein Hochdienen und auch keine lockenden finanziellen oder imagemäßigen Gewinne. Wer einer Delegation angehört, die dann einen Bericht ausarbeitet, das ergibt sich einfach aus der bisherigen Zusammenarbeit. Ich glaube, daß die Menschenkenntnis geschärft wird, wenn sie im gemeinsamen und letztlich anonymen Bemühen um so sensible soziale Themen wie Gefangenenhilfe, Folter, Todesstrafe wachsen kann. Die Fesselung des Zwanges "Wess' Brot ich ess, dess' Lied ich sing", die fällt weg. Es gibt keine Abhängigkeiten. Engagement kann sich ziemlich frei entfalten. Und deswegen bemüht sich wahrscheinlich auch jeder, der Organisation nicht durch Unzuverlässigkeiten oder persönliche Ambitionen zu schaden. Ein aufwendiger Disziplinierungsapparat erübrigt sich also, und das Ergebnis ist sicher nicht schlechter, als wenn es tausend Kontrollen gäbe.

Erfahrungen, Hoffnungen, Bedürfnisse

Manchmal denke ich, eine Organisation wie amnesty ist wirklich einmal das Beispiel eines Neubeginns, sowohl von der Aufgabenstellung wie auch von ihrer internen Arbeitsweise her. Seit über zwanzig Jahren ist sie sehr nahe an dem dran, was jetzt "Selbstverwaltung" genannt wird. Sie hat von vorneherein auf der Basis von weitgehend autonomen Kleingruppen gearbeitet. Sie hat sich auf das Schicksal von Einzelmenschen und auf die allgemeine Durchsetzung der Menschenrechte konzentriert und fast zwangsläufig ist sie sofort auf die internationale Ebene gegangen. Da sehe ich durchaus Zusammenhänge mit der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, den Bürgerinitiativen. Das muß alles gar nicht so organisiert sein, wie es amnesty dann doch gebraucht hat. Die vielen Inseln sind eine Hoffnung, wenn sie nicht nur dazu dienen, nach "innen" auszusteigen, wieder einmal nur Kirchturmpolitik zu machen.

Es ist nämlich auf eine tragische Weise doch wichtig, daß man mit der Not anderer direkt konfrontiert wird, daß einem etwa manchmal jemand gegenübersitzt, der mitzuteilen versucht, welche unvorstellbaren Schmerzen ihm andere zugefügt haben, wie er sich überhaupt nicht mehr als Mensch gefühlt hat, als denkender Mensch, wie alles aus einem mit Gewalt herausgeblasen wird. Und dann ziehst du natürlich Vergleiche zu Menschen bei uns, zu Menschen, die sehr viele Möglichkeiten hätten, bei denen aber auf ganz andere, nicht direkt schmerzhafte Weise, auch alles hinausgeblasen wurde und letztlich nichts mehr da ist. Im konkreten Einzelschicksal spiegeln sich die Zustände oft deutlicher, als wenn ich mich einer Masse gegenübersehe. Vom Miguel Sanchez in Guatemala weiß ich, daß er nicht lesen und schreiben kann, daß er an einer Demonstration teilgenommen hat, weil ihm das Brot einfach zu teuer geworden ist, weil er einfach nichts mehr zum Fressen gehabt hat, für sich und seine Familie, und daß er dann als gemeingefährlicher Agitator gefoltert wurde. Da steht mir ein Mitmensch gegenüber und ich sage offen, mit ihm kann ich mich stärker identifizieren, als mit 50.000 Boots-FIüchtlingen aus Vietnam, von denen ich noch über niemanden etwas weiß. Für ihn kann ich vielleicht mit meiner eigenen Arbeit und ohne große Geldmittel etwas machen und das kann ich im anderen Fall nicht so ohne weiteres. Bei amnesty wurden von Beginn an Einzelmenschen angesprochen: Die aktiven Mitglieder, die Gefangenen, die verantwortlichen Politiker. Über eine solche Personifizierung läßt sich einiges erreichen, vermutlich oft mehr als dies anonyme Institutionen untereinander können. Die können ja auch nie so frei miteinander verkehren, wie es einer amnesty-Gruppe durch ihre Unabhängigkeit möglich ist.

Zum Beispiel betreut meine Gruppe gerade einen Häftling, der in der DDR wegen "antisozialistischer Agitation" zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Wir sind dabei, an etwa dreißig politische Autoritäten Briefe zu schreiben (u. a. an Erich Honecker, den Vorsitzenden des Staatsrates, an Willi Stoph, den Vorsitzenden des Ministerrates, an Friedrich Dickel, den Minister des Inneren und Generaloberst der Volkspolizei, an den Justizminister Hans-Joachim Heusinger, an den Generalstaatsanwalt Dr.Josef Streit). Darin stellen wir die Sachlage dar und rufen ihnen das Grundrecht auf Meinungsfreiheit jedes Menschen in Erinnerung. Wir werden auch deswegen noch in die Öffentlichkeit gehen und versuchen, auf verschiedenen anderen Wegen diesem Häftling zum Recht zu verhelfen.

Sicher läßt sich - wenn ich nach meinen eigenen Motiven gefragt werde - eine solche Arbeit im weiteren Sinn am ehesten mit Egoismus erklären: Die eigenen Möglichkeiten nutzen, sichtbare Ziele haben, sinnvolle Aufgaben erfüllen. Wenn ich manchmal glaube, einen kleinen Mosaikstein zur Verwirklichung einer Selbstverständlichkeit beigetragen zu haben, dann geht es natürlich auch mir vorübergehend gut. Wahrscheinlich ist dieser Einsatz für die Menschenrechte sogar meine primäre Möglichkeit zu überleben, er schafft eine Basis für zwischenmenschliche Beziehungen, für eine Erweiterung meiner Sensibilität, meiner Kritikfähigkeit. Er vermittelt auch mir Hoffnungen, er richtet sich auch gegen meine eigenen Ängste. Ob ich es sogar als eine Notwendigkeit ansehe, eigene Bedürfnisse über die Auseinandersetzung mit der besonderen Notlage anderer besser zu erkennen? Das ist schon auch ein wichtiger Punkt, das Mitgefühl, das eigene und das fremde Leiden. Aber mein wichtigstes Bedürfnis betrifft sicher die Beziehungen zu Menschen und das Wort Solidarität, in der Bedeutung, die es in meiner Vorstellungswelt hat, das erzeugt in mir Wärme und Vertrauen. Und das sind wieder sehr wichtige Bedürfnisse des Menschen, und daher auch wieder meine Bedürfnisse.

 

 
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Literatur

amnesty international: Jahresbericht 1982. Fischer Taschenbuch Verlag, Bd. 3443, Frankfurt / M, 1982

amnesty international: Der internationale Menschenrechtsschutz. Menschenrechte in den Erklärungen und Konventionen der Vereinten Nationen. Fischer Taschenbuch Verlag, Bd.3437, Frankfurt / M, 1981

Thomas Claudius, / Franz Stepan: amnesty international. Portrait einer Organisation. R.Oldenbourg Verlag, München-Wien, 1978

Carola Stern (Hg.): amnesty international. Wer schweigt wird mitschuldig. FischerTaschenbuch Verlag, Bd.3439, Frankfurt / M, 1981

Michael Kidron / Ronald Segal: Hunger und Waffen. Ein politischer Weltatlas zu den Krisen der 80er Jahre, rorore aktuell, Bd. 4726, Reinbek b. Hainburg, 1981

 

 
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© Christian Reder 1983/2001