Information Aktuelle Projekte Biografie Publikationen Zentrum Transfer Transferprojekte-RD.org





www.ChristianReder.net: Publikationen: Geben und Nehmen
 

Geben und Nehmen

Umriß, Wien, Nr. 2/1983

Afghanistan / Pakistan

Zwischenbericht über einen Versuch, der Baurealität in einem Flüchtlingslager und der Architektenausbildung in Österreich Impulse zu geben. (Projektstudien von Studenten der Technischen Universität Graz / Institut für Gebäudelehre, Günther Domenig, für ein Ambulanzgebäude im afghanischen Flüchtlingslager Baghicha in Pakistan. - Stand: Ende September 1983)

 

 

In Flüchtlingslagern erscheint vieles als sinnlos, vielleicht in noch stärkerem Maß als bei all dem, was wir sonst noch "Dritte-Welt-Hilfe" nennen. Das anscheinend Vorübergehende demaskiert jede Maßnahme als Notlösung. Von allem gibt es zuwenig, gibt es aber von irgendetwas genug, dann kommt der Vorwurf der Überversorgung, der Abhängigmachung, der Behinderung einer Rückkehr und die Gefahr einer aggressivitätssteigernden Kluft zur lokalen Bevölkerung. Und es muß ja tatsächlich jeder Eingriff von außen etwas Provisorisches bleiben, weil ja die Situation des Flüchtlings auch ein Zwischenstadium ist, das sobald als möglich enden sollte. Inbegriff des Flüchtlings ist das Zelt, die Hütte, die Baracke. Und irgendwo werden Instanzen auftauchen, die für das Nötigste sorgen, für etwas Essen, für Kleider, Decken und eine Verhinderung von Seuchen. Etwas anderes als die Entwicklung zu Slums oder zu militärisch kontrollierten Camps scheint kaum möglich. Mit den psychosozialen Belastungen jeder Flucht, mit der Abwesenheit oder dem Zerfall gewohnter Strukturen, mit Apathie und Arbeitslosigkeit muß jeder praktisch selbst fertig werden, wenn nicht doch von außen neben materiellen Gütern auch eine soziale Unterstützung angeboten wird.

Zur Erinnerung: Nach der "April-Revolution" von 1978 kam es in Afghanistan de facto zum Bürgerkrieg, weit sich weite Teile der Bevölkerung gegen die zunehmende Brutalität der neuen Regierung wehrten. Deren Maßnahmen waren zwar im Ansatz vielfach richtig, aber überhaupt nicht oder schlecht vorbereitet, und keiner der Reformversuche wurde hinreichend akzeptiert. Im Dezember 1979 intervenierte dann die Sowjetarmee, und der Krieg wurde zum Volkskrieg gegen die fremde Macht und die von ihr gestützte Regierung in Kabul.

Bisher sind annähernd drei Millionen Afghanen nach Pakistan geflohen (etwa 1,5 Millionen sollen in den Iran gegangen sein). Die Flüchtlinge sind fast zur Gänze arme Bauernfamilien, die fort mußten, weil ihre Dörfer, die Bewässerungsanlagen oder ihre Ernten zerstört wurden. Im dichtbesiedelten Pakistan besteht praktisch keine Chance, daß sie sich durch eigene landwirtschaftliche Tätigkeit ernähren können. Aus den riesigen wilden Zeltsiedlungen der ersten Zeit wurden sie inzwischen in über 300 großen "Flüchtlingsdörfern" mit jeweils einigen zehntausend Bewohnern zusammengezogen. Für die Basishilfe (Zelte, Decken, Hygienemaßnahmen, erste Sanitäreinrichtungen und Gesundheitsmaßnahmen) sorgt primär das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR). Eine Reihe anderer Hilfsorganisationen hat kleinere Aufgaben übernommen. Angesichts der enormen Zahl zu betreuender Menschen und des sich über 2000 Kilometer erstreckenden Grenzgebietes stoßen jedoch viele Aktivitäten auf große Schwierigkeiten. Deshalb sind auch die direkt in den Lagern tätigen Arbeitsgruppen so wichtig, da sie in unmittelbarem Kontakt mit den Betroffenen stehen. Allein schon das Bemühen, keine Gelegenheiten für Korruption zu schaffen, erfordert sorgfältig überlegte Strategien.

Für viele dauert das Flüchtlingsleben schon vier oder fünf Jahre, und eine politische Änderung der Lage, die eine Rückkehr erlauben würde, zeichnet sich nicht ab. Allgemein wird angenommen, daß sich auch in einem überschaubaren Zeitraum keine echte Chance dazu ergeben wird. Es war daher notwendig, die ursprüngliche Katastrophenhilfe schrittweise durch entwicklungspolitische Maßnahmen und Programme zu erweitern, wenn ein nützlicher Beitrag geleistet werden sollte.

Der Gesundheits- und Sozialdienst des österreichischen Komitees

Das "Österreichische Hilfskomitee für Afghanistan" wurde Anfang 1980 von verschiedenen Aktivisten, die sich für eine sinnvolle Hilfe engagieren wollten, gegründet. Als Organisationen sind in ihm auch die Caritas, die Volkshilfe und Amnesty International vertreten. Obmann ist Dr. Alfred Janata vom Wiener Völkerkundemuseum, ein profunder Afghanistankenner. Die Arbeit in Pakistan leitet der vorher in Wien lebende Afghane Nassim Jawad.

Ich selbst habe als Projektleiter insgesamt vier Monate lang in Pakistan am Aufbau einer geeigneten Organisation und eines wirkungsvollen Programms mitgearbeitet und bin jetzt in Wien für die Fach- und Finanzaufsicht zuständig. Die Geldmittel stammten zuerst aus privaten Spenden (rund 2 Millionen Schilling), dann auch aus Mitteln der Bundesregierung und von Hilfsorganisationen. Inzwischen ist es durch die internationale Anerkennung der geleisteten Arbeit gelungen, eine internationale Beteiligung an der Finanzierung aufzubauen, in deren Rahmen wir Regierungs- oder Spendengelder aus der Bundesrepublik, der Schweiz, aus England, Norwegen und Dänemark erhalten. Das Gesamtbudget 1980-1983 beträgt 22 Millionen Schilling. Alle in Wien tätigen Mitarbeiter arbeiten kostenlos. An Büro- und Reisekosten werden insgesamt nur 7 % des Aufwandes ausgegeben. Die 30 Beschäftigten in Pakistan sind alle selbst Afghanen, und zwar bis auf zwei Flüchtlinge. Dies entspricht unserem Konzept, nach dem wir primär eine von Afghanen selbst verwaltete Arbeitsorganisation schaffen wollten, um schon dadurch einer "Selbsthilfe" möglichst nahe zu kommen. Das haben übrigens am Anfang viele Experten für unrealisierbar gehalten, und deswegen sind auch ziemlich viele andere teure Experten eingeflogen worden. Von Wien aus wird für die Finanzierung, die Kontrolle und für Beratereinsätze gesorgt.

Die Arbeit in Pakistan konzentriert sich auf einen Gesundheits- und Sozialdienst in den Lagern Baghicha und Gandaf (zwischen der Stadt Mardan und dem Indus) mit insgesamt 50.000 Bewohnern. In jedem wurde ein Ambulanzbetrieb eingerichtet. Wie nur bei ganz wenigen Organisationen stehen dort neben Ärzten auch afghanische Ärztinnen und weibliches Assistenzpersonal zur Verfügung. Es ist auch gelungen, die traditionellen Barrieren abzubauen, die gegen Arztbesuche von Frauen bestanden. Es werden spezielle Mutter-Kind-, Malaria- und TBC-Programnie durchgeführt. Es wird laufend versucht, bei den Präventivmaßnahmen Fortschritte zu erzielen. Die Lagerschulen werden unterstützt, ein Hygieneunterricht wird abgehalten. Zur Arbeitsbeschaffung betreiben wir ein Nähprojekt und haben in der Provinzhauptstadt Peshawar eine Kfz-Lehrwerkstatt eingerichtet, in der derzeit vierzig afghanische Lehrlinge ausgebildet und Autos repariert werden. Vieles davon war nur möglich, weil durch die Arbeit der Ärzteteams inzwischen eine hinreichend gute Vertrauensbasis besteht. In der oft angespannten Lage ist der Umgang mit Sprechern verschiedenster Gruppen oder mit ausführlichst diskutierenden Ratsversammlungen (Djirgas) sonst oft schwierig. Besonders wichtig ist es natürlich, ein Arbeits- und Ausbildungsangebot zu schaffen. Erlerntes wird ein Flüchtling auch nach einer etwaigen Rückkehr brauchen können. Durch viele voll- und teilamtliche Helfer und Helferinnen im medizinischen Bereich, durch die Lehrwerkstatt, durch Seminare und die Mitwirkung an den Schulen sind durch unsere Teams schon einigen hundert Flüchtlingen brauchbare Kenntnisse und Erfahrungen vermittelt worden. Etwa einmal jährlich wird das Programm von einem für zwei Monate aus Wien entsandten Arzt in Form einer beratenden Mitarbeit weiterentwickelt. Einmal ist es sinnvoll erschienen, durch eine für sechs Monate eingesetzte Frauenbetreuerin die auf diesem Gebiet begonnenen Maßnahmen zu forcieren. Und jetzt ist im Rahmen solcher Überlegungen die Entsendung von zwei Architekturstudenten aus Graz geplant, nach deren Plänen und Vorüberlegungen im Lager Baghicha ein einfaches Gebäude für die Ambulanz errichtet werden soll.

Ambulanzgebände im Lager Baghicha

Die derzeitige Ambulanz des Lagers Baghicha ist auf einem zirka 20 mal 40 Meter großen, von einer Lehmmauer umgebenen Areal in mehreren Zeiten untergebracht. Hitze, Kälte, Regengüsse und Wind erschweren daher die Arbeit. Im Lager selbst, in dem 30.000 Menschen leben, hat sich der Prozeß von der Zeltsiedlung über erste Umgrenzungsmauern hin zum eigenhändigen Bau von Lehmhäusern längst vollzogen. Es wurde zunehmend dringlicher, auch für die Ambulanz ein festes Gebäude zu bauen. Die naheliegende Möglichkeit, mit örtlichen Arbeitskräften "irgendwie" etwas hinzubauen, haben wir in diesem Fall verworfen, weil durch die Fülle an Arbeit für die Projektleitung (sie führt z. B. auch Sanitärprogramme der UNO in anderen Gegenden durch) eine überlegte Vorplanung und Bauaufsicht nicht gewährleistet war. Außerdem liegt das Areal der Ambulanz zentral an der Hauptstraße, direkt neben der inzwischen errichteten kleinen Moschee und dem Bazar, und wir wollten deswegen auch über eine sinnvolle "Architektur" nachdenken und zugleich eine wirklich zweckmäßige Lösung mit einer gewissen Signalwirkung finden. Die Ambulanz ist eines der wichtigen sozialen Zentren des Lagers und nach bereits jahrelangem Flüchtlingsdasein hatte das Argument für ewige Provisorien an Gewicht verloren. Die Auffassung, daß es nur nötig sei, an afghanische Handwerker Aufträge zu vergeben und die dann schon wüßten, mit welchem Grundriß, in welcher Bauweise und mit welcher Ausstattung so ein Haus am besten zu errichten sei, stimmt nur zum Teil. An den bisher in Eigenregie errichteten Hütten und Häusern war die Tendenz zur Slumbildung erkennbar, die zweifellos als Element eines psychosozialen Kreislaufes gesehen werden muß. Aus einer permanenten Vernachlässigung gewohnter Lebensweisen und Qualitäten würde zunehmend auch eine psychische Verelendung resultieren. Daheim sind überwiegend großzügig angelegte Streusiedlungen üblich, die Enge des Lagers ist etwas völlig Neues. Im feucht-heißen Klima Pakistans stimmt aber offenbar auch die mitgebrachte Bauweise nicht mehr. Im Monsunregen halten die Lehmmauern nicht lange, Holz ist teuer. Es wird kaum versucht, simple Lüftungssysteme zu installieren. Andererseits hatten wir die Vorstellung, daß eine Bauausführung durch pakistanische Betriebe, die oft gebrannte (und teure) Ziegel oder auch Beton verwenden, zuwenige Impulse für die Bauweise im übrigen Lager liefern würde und außerdem keine Arbeitsplätze für Flüchtlinge schaffe. Im weiteren sprach für eine Beratung, daß ein Durchdenken des Funktionsschemas einer solchen Ambulanz, in die sich oft Hunderte Menschen drängen, in der eine gewisse Trennung von Männern und Frauen stattfinden muß, in der untersucht und behandelt wird, in der Patientenkarteien geführt, Medikamente ausgegeben und ein Labor betrieben wird, die Arbeitsweise in einem neuen Bau verbessern könnte. Derartige Erfahrungen fehlen im Lager, weil weder Ärzte noch Handwerker je mit solchen Problemen konfrontiert waren. Außerdem zeichnete sich ab, daß irgendwann die Fertigteilbarackenindustrie kommen würde (mit importierten "Low-Cost-Housing" Typen), und wir haben die Hoffnung, durch einen vorbildlichen einfachen Bau in adaptierter lokaler und afghanischer Tradition solchen Tendenzen entgegenwirken zu können und einer "Selbsthilfe" Mut zu machen.

Die Projektstudien

Es ergab sich der Kontakt mit Günther Domenig, und er stimmte spontan einer Zusammenarbeit zu und auch der Auffassung, daß eine derartige Aufgabe für die Architekturstudenten seines Institutes eine interessante Bereicherung sein könnte. Uns selbst hat die ihm vorauseilende Legende angespornt, nach der er mit nicht fix vorgeplantem Bauen und einer kooperativen Zusammenarbeit von Planern und Handwerkern experimentiere. In Gesprächen mit Vertretern universitärer Bereiche war mir immer wieder aufgefallen, daß durchaus ein Interesse an praktischen Aufgabenstellungen besteht, jedoch im Rahmen der jetzigen Organisationsformen nur punktuell kreative "Arbeitsgemeinschaften" mit externen Auftraggebern eingegangen werden. Gerade für uneigennützige Unterstützungsprogramme müßte an den Hochschulen ein organisierbares Potential aktivierbar sein. Zumindest aber wäre es interessant, die Intensität landläufig behaupteten Engagements auszuloten und die Bereitschaft, sich sozusagen außertourlich mit der sozialen Situation anderer zu befassen. Der Zugriff zu gedrucktem Wissen ist in extensiver Form möglich, verschiedene Stellen müßten einfacher als von privater Seite um Informationen oder Mitarbeit angegangen werden können. Durch eine Ausdehnung der Aufgabenstellungen, in Seminararbeiten, Dissertationen oder in Projektgruppen müßten sich akute Fragen auch in praktisch nutzbarer Weise fundiert aufarbeiten lassen, gerade in bezug auf eine bessere Kooperation des reichen "Nordens" mit dem armen "Süden".

Das war in etwa der Denkhintergrund; bei dem konkreten kleinen Projekt gingen wir jedoch davon aus, daß selbst dann, wenn die erarbeiteten Vorschläge nicht eine befriedigende Realisierungsreife erlangen würden, sich ein Versuch lohne. Die monatelange Befassung einer Reihe von Studenten mit der Lagerproblematik würde diesen selbst, dem Institut und über das Komitee auch der Weiterarbeit in den Lagern in jedem Fall Anregungen bringen und keine Spendengelder verbrauchen. Eines ist nämlich grotesk, wie unzugänglich gerade wichtige, unmittelbar in der Praxis helfende Informationen gehalten werden, z. B. in bezug auf so ein Hilfsprogramm. Das Gute daran ist nur, daß es wenigstens kaum halbwegs überzeugende "Handbücher" gibt, die anordnen, wie das oder jenes auf standardisierte Weise zu machen ist.

Die ersten konkreten Kontakte mit Günther Domenig gab es im Sommer 1982. Im darauffolgenden Herbst änderten sich nochmals unsere Anforderungen. Anfangs war uns ein Mehrzweckgebäude im Lager Gandaf, das hauptsächlich als Frauenhaus dienen sollte, wichtiger erschienen. Nach der Auflehnung vieler Männer gegen ein in Betrieb befindliches Provisorium schien uns eine weniger spektakuläre Fortsetzung vernünftiger, und der Bau eines einfachen Ambulanzgebäudes im Lager Baghicha erhielt die erste Priorität. Anfang 1983 wurde in Graz konkret mit den Planungsarbeiten begonnen. Auf einer Art Hearing haben wir mit Dias die Situation in den Lagern und die Bauformen in Afghanistan vorgestellt und die Probleme der Infrastruktur und der Verhaltensweisen im Lager diskutiert. Über 30 Studenten waren anwesend und haben ihr Interesse an einer Mitarbeit angemeldet. Am Institut wurde ein umfangreicher Fragenkatalog ausgearbeitet, der die Grundlage für konkrete Fragen an uns und verschiedene Experten bildete. Im Februar, im Mai und Anfang September fanden nochmals Treffen statt. Schließlich haben drei Studenten konkrete Projektstudien abgeliefert.

Sie werden derzeit nochmals überarbeitet und sollen in der Endfassung Anfang Oktober vorliegen. Bis dahin muß auch entschieden sein, welcher Vorschlag schließlich als primäre Grundlage für die Bauausführung dienen soll und wer in Pakistan als bezahlter Entwicklungshelfer die Bauleitung übernimmt. Gebaut soll von Mitte Oktober bis Ende November dieses Jahres werden, erfahrungsgemäß reichen sechs Wochen für das vorgesehene Volumen aus. Als Baukosten haben wir 150.000 Schilling budgetiert, was angesichts der lokalen Preise realistisch sein dürfte. Die Tageslöhne für Hilfsarbeiter liegen bei 40 Schilling, für Facharbeiter, Maurer oder Tischler bei 120 Schilling. Eine Fuhre Lehm kostet etwa 100 Schilling, hundert Ziegel kosten 60 Schilling, ein Sack Zement 100 Schilling.

Bei den drei konzipierten Projekten sind für uns besonders die (hier nicht abgebildeten) Grundrißlösungen wichtig, die auf verschiedene Weise Abgrenzungen zwischen Männer-, Frauen- und Personalbereich vorsehen und teilweise überdachte Innenhöfe. Sie gehen von Ablaufschemata aus, die wirklich Verbesserungen erwarten lassen (z. B. durch beidseitig, einmal für Männer, einmal für Frauen zugängliche Räume, wie Behandlungszimmer, Apotheke oder Labor). Bei Sonnenschutz und Durchlüftung gibt es überlegte Lösungen. Als Material sind Lehmziegel oder Stampflehm vorgesehen (vor ein paar Jahren wäre sicher auch ein Entwurf für ein geschäumtes Polyesterhaus mit dabei gewesen).

Das Projekt von Johannes Melbinger basiert auf aus Ziegel zu errichtenden Kuppelelementen. Er bezieht sich ausdrücklich auf die einschlägigen Vorarbeiten des auch hierzulande berühmt gewordenen ägyptischen Architekten Hassan Fathy und dessen Modelle für ein kooperatives, qualitätvolles Bauen, für eine organisierte Nachbarschaftshilfe und Handwerkerausbildung.

Gerhard Salzer entwarf einen Stampflehmbau mit begehbarem Dach, auf dem sich der Wassertank befindet. Durchbrochene Ziegelwände sorgen für die Durchlüftung, die Toiletten sind außen angebaut und von dort zu entsorgen.

Heinz Spuller lieferte eine dem verwandte Konzeption und kann durch Hinzunahme eines jetzt noch außerhalb liegenden, in die rechteckige Grundfläche einspringenden Grundstücks einen Funktionsablauf entlang einer zentralen Raumabfolge erreichen.

Für eine praktische Mitarbeit hat sich noch der Bildhauer und Ethnologiestudent Wolf Gössler, der Erfahrungen im Lehmbau hat, interessiert. Für alle Teilnehmer besteht die Möglichkeit, kurzfristig an einem Lehmbaukurs in Bayern teilzunehmen. Es war von Anfang an darauf verzichtet worden, einen "Wettbewerb" abzuhalten. Die Endauswahl soll sich aus der internen Diskussion der vorliegenden Projekte, ihrer Grundlagen und der persönlichen Erfahrungen ergeben. Für die Bauaufsicht in Pakistan sind ein oder zwei der Projektbearbeiter vorgesehen. Die bisherigen Arbeiten hatten bewußt einen Studiencharakter. Der konkrete Bau soll dann in Kooperation mit dem lokalen medizinischen Personal und den Handwerkern realisiert werden. Nach Möglichkeit sollen darüber hinaus auch die am Institut von Assistent Peter Hellweger - der das gesamte Programm betreut hat - erarbeiteten Unterlagen zur Infrastruktur des Lagers nutzbar gemacht werden. Es liegen Schemazeichnungen und Beschreibungen von einfachen Wasserfilteranlagen vor, von verschiedenen Systemen zur Fäkalienentsorgung und zur Naturdüngeraufbereitung und Antworten auf eine Reihe von Einzelfragen, die sich während der Vorbereitungsphase gestellt haben. Von solchen über den eigentlichen Bau hinausgehenden Hinweisen und Modellen erhoffen wir uns eine wichtige Unterstützung bei Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen im Lager, die angesichts seines Umfanges sicher noch nicht einen "akzeptablen" Standard erreicht haben. Überdies tritt auch hier wieder die Ausbildungsmöglichkeit als wichtiges Kriterium hinzu.

Eine Erfahrungsauswertung

Damit eine solche Falldarstellung nicht leblos im Raum stehen bleibt, möchte ich noch einige Bemerkungen zum Hintergründigen dazustellen. Bei Vorhaben dieser Art besteht - einmal wertfrei gesagt - eine gewisse Polarisierung zwischen der "Professionalität" routinierter Organisationen und engagierter "Spontaneität" von Individuen oder Komitees. Vertreter des einen Flügels beäugen oft mißtrauisch die des anderen. Einmal heißt der Vorwurf "Naivität" (sollte sie in Zynismus umkippen?), das andere Mal "Emotionslosigkeit" (oder sogar materielle oder geistige Korruption). Bei einer (privaten) Initiative ist schnell die Mutmaßung da, über das, was mit ihr eigentlich wirklich gewollt wird, und darüber, wer dahinter stecken mag. Das Unbehagen über unzulängliche oder gänzlich falsche "Hilfe" oder "Kooperation" mündet oft in einen Wettstreit, wer nun den radikaleren Standpunkt einnimmt (wer nun linker ist) und daher letzten Endes wirkungsvoller. Die wichtige Unterstützung für Befreiungsbewegungen entartet bisweilen zur Mode, dort, wo es um sozial kompliziertes Alltagsleid geht, zieht es weniger Leute hin. Wird die geleistete Arbeit halbwegs normal bezahlt, kommt das Gefühl (und oft schon wieder der Vorwurf), jemandem etwas wegzunehmen. Wird sie umsonst geleistet, erhält sie Verbindungen zu Hobbies oder andersartigen Interessen. Es kommt auch bisweilen der peinliche Nebeneffekt zum Tragen, daß eine Mitwirkung an Hilfsprojekten zwangsläufig (durch persönliche Spendenaufrufe oder Medienberichte) bzw. sogar auf eine kalkulierte Weise zu einer öffentlichen Profilierung verhilft, die sich dann auch anders benutzen läßt. Wer viel tut, rückt vielleicht sogar irgendwelchen Mittelpunkten näher, wer zurückhaltend bleibt, tut zuwenig für "seine" Sache. Aber alle wollen sie, diese gewisse Art von Personifizierung.

Erika Pluhar reist eigens mit einer Fotographin zur Polisario in die Sahara, und die dazu passende Illustrierte gibt es auch schon. Manche jetten um den Erdball von Krisenherd zu Krisenherd, um sich dann über den "Krisentourismus" und anderes zu alterieren (wie das Benard/Schlaffer-Duo). Und es gibt "natürlich" genug Leute, die aus Hilfsprojekten eine Profession und ein Geschäft machen. Aus der Sicht unkonventionell und ohne großen Aufwand arbeitender Komitees wird ziemlich schnell erkennbar, wer sich eventuell gestört fühlt (und sich die billige Konkurrenz vom Leib halten will). Aber so ist es eben, könnte man/frau sagen.

Ernsthafte Kritik an der Realität konkreter Projekte ist schwer öffentlich zu vermitteln, weil ihnen die allgemeine Stimmung sowieso bestenfalls kurzfristig geneigt ist. Und der Verdacht eines generellen Nicht-Funktionierens und (zumindest) lokaler Mißwirtschaft kann durch sie allzuleicht geschürt werden. Ein lautes Wort, und es droht Schaden. Dabei suchen die potenteren Hilfsorganisationen praktisch alle personell gut ausgestattete und vernünftig arbeitende Projektgruppen (die vielzitierte "implementing capacity"), damit Gelder sinnvoll eingesetzt werden können. Daß es von ihnen zuwenig gibt, ist - pragmatisch gesagt - eines der Hauptprobleme. Wer soll denn sonst Erfahrungen und Sensibilität ansammeln können für die dringenden größeren Aufgaben?

Das führt zu einer weiteren Erfahrung, nach der fast nur mehr etwas funktioniert, wenn es informell funktioniert. Z. B. einen Arzt für einen kurzfristigen Einsatz aus einem Wiener Spital frei zu bekommen, erfordert immer Sonderaktivitäten. Das normale Ansuchen bringt gar nichts (trotz Ärzteschwemme?). Bruno Kreisky und sein (engeres) Team standen z. B. offensichtlich hinter den lapidaren Intentionen des Afghanistankomitees, und er hat sich immer wieder berichten lassen. Zuerst gab es Geld aus dem Katastrophen-, dann aus dem Solidaritätsfonds, zuletzt von der Entwicklungshilfe. Jetzt ist dieses direkte Interesse plötzlich weg, und die Informationskanäle suchen sich neue Wege. Es fehlen unvermutet die damaligen Weisungen, und auf Beamtenebene beginnt für das Komitee im vierten Jahr seiner Tätigkeit die Kommunikation sozusagen wieder in der Stunde Null, mit bereits lange vorher an anderer Stelle deponierten Erklärungen, Zahlen und Argumenten. Und bei den höheren Instanzen fängt erneut ein Werben um Interesse und allfällige Interventionen an. Spendengelder aus Österreich gibt es ja kaum mehr für diesen entlegenen Krisenherd. Daß es einmal gelungen ist, beträchtliche internationale Mittel für eine österreichische Initiative zu gewinnen, führt zum Argument, daß ja dann kaum noch Steuergelder nötig seien. Das bisherige - offenbar motivierende - Finanzierungsmodell, nach dem von Österreich aus primär die Kosten für die Projektleitung in Peshawar (15 % des Gesamtaufwandes) gedeckt werden, um dadurch Auslandsorganisationen den Anreiz zu bieten, daß ihre Mittel direkt und ohne Verwaltungskostenabzug für das Hilfsprogramm eingesetzt werden, wird nunmehr unter Hinweis auf das Entwicklungshilfegesetz für nicht mehr vertretbar gehalten. Daß wir teilweise kostenlos im Auftrag der UNO Hilfsmaßnahmen durchführen (nicht aber, daß wir von ihr beträchtliche Medikamentenlieferungen umsonst bekommen), stößt auf Kritik, genauso wie diese oder jene Einzelposition. Dabei war es nicht unser Anliegen, einmal bewilligte Mittel stereotyp prolongiert zu bekommen, sondern ein vertretbares Minimum an Integration in die staatliche Entwicklungshilfe zu erreichen. Aber so ist es eben, und wir werden so gut es geht mit Auslandsmitteln weitertun. Das Bauprojekt "Ambulanz in Baghicha" ist bei den jetzigen Gesprächen auf kein erkennbares Interesse gestoßen und auch nicht der Aspekt, solche Fragestellungen verstärkt in hiesige Hochschulen hineinzutragen oder sie dafür etwas mehr zu öffnen. Es wird mit Auslandsgeldern gebaut werden müssen. Sicher waren es "Kommunikationsmängel", die an der sich abzeichnenden österreichinternen Wendung mitwirken, aber die personellen Kapazitäten für ein Neubeginnen sind in einem kleinen, nebenamtlich geleiteten Komitee eben begrenzt.

Zum Thema Initiative: Seitens des Institutes für Gebäudelehre an der TU Graz ist z. B. Prof. Gernot Minke. der unter anderem auf Lehmbauten spezialisiert ist, von der Gesamthochschule Kassel (Forschungslabor für experimentelles Bauen) um Rat angesprochen worden, und es haben sich einige für die Lagersituation wichtige Erkenntnisse aus diesem Kontakt ergeben (u. a. daß durch andere Mischungsverhältnisse und einen höheren Kiesanteil Lehmmauern dem für Afghanen ungewohnten Monsunregen besser widerstehen). Ein ähnlicher Kontakt mit einem in die hiesige Entwicklungshilfe integrierten Hygieneprofessor aus Graz brachte die Vorführung von Dias mit gemauerten, wellblechgedeckten Baracken und AbortanIagen im Sudan, die baulich in keiner Weise ein Optimum darstellten, penible Erkundigungen über das Komitee in Wien, seinen gerüchteweise kolportierten Vorwurf "studentischer Naivität" und sonst nichts weiter.

Von den damit auch angesprochenen Studenten blieben von den anfangs über dreißig schließlich nur drei. Diese Ausfallsrate wird mit abflauender Anfangsbegeisterung und dem Ziel, das Studium möglichst rasch zu beenden, erklärt. Die Möglichkeit, den ersten "eigenen" Bau zu errichten und in einer fremden Umgebung durch (sogar halbwegs gut bezahte) Arbeit Erfahrungen zu gewinnen, wirkte offenbar nicht allzu motivierend. Aber dahinter steckt noch einiges anderes, wie z. B. die von den Studenten deutlich angesprochene Unzugänglichkeit vorhandener Informationen: "Kaum jemand gibt irgendetwas vernünftiges her für so ein Vorhaben. Sie lassen einfach nichts aus, obwohl das doch alles schon oft gemacht wurde, und es sicher irgendwo dokumentiert ist, wie man dort fundamentiert, Lehmziegel macht, die Arbeit strukturiert." Und daß keine wirklich exakten Angaben da waren, "das war uns schon einmal unheimlich, und wir hatten alle das Gefühl, das geht ins Uferlose".

 

 
oben
 
© Christian Reder 1983/2001