Information Aktuelle Projekte Biografie Publikationen Zentrum Transfer Transferprojekte-RD.org





www.ChristianReder.net: Publikationen: Für die 4. Welt
LINKS
Falter Verlag
   

Für die 4. Welt

Falter, Wien, Nr. 5/1985

Im Februar ist in Wien die "Gesellschaft für bedrohte Völker - Österreich" (GfbV-Ö) gegründet worden, die sich weltweit für verfolgte ethnische, religiöse und soziale Gruppen einsetzen will.

 

 

Der Biafra-Krieg und der Völkermord an den Ibo waren der konkrete Anlaß, um das damals angewachsene Unbehagen über die - auch in linken Kreisen - oft schematisierte Haltung verfolgten Gruppen gegenüber, durch die Gründung der "Gesellschaft für bedrohte Völker - BRD" (1970) in Aktivitätsmöglichkeiten umzusetzen. Seither ist sie konsequent gegen drohende Genozide aufgetreten, genauso aber gegen aggressive und schleichende Formen des Ethnozids, der Vernichtung der kulturellen Identität. Mit der Zeitschrift "pogrom" (und "Vierte Welt Aktuell") ist kontinuierlich darauf hingearbeitet worden, die simple Beschäftigung mit (National-) Staaten und Klassen um die Dimension unterdrückter Minderheiten oder, wie im Fall Südafrika, Mehrheiten zu erweitern.

Tilman Zülch, der als Vertreter der bundesdeutschen Organisation in Wien war, nennt als bisher Erreichtes die Mitwirkung an der Roma- und Sinti-Emanzipation in der BRD (inzwischen 5 Unterstützungszentren, liberalere Handhabung der Gesetze, breiteres Problembewußtsein) oder die Anerkennung von Minoritäten als Flüchtlinge, selbst wenn sie entgegen der internationalen Bedingung für die Anerkennung des Flüchtlingsstatus über Drittländer kommen - so etwa für Kurden, Armenier, Assyrer, Yeziden, die meist gar keine andere Chance haben. Es sei auch gelungen, die deutsche Außenpolitik und die Hilfsorganisationen zu sensibilisieren, z. B. für die Situation in Ost-Timor und West-Niugini oder bezüglich der Umsiedlungspolitik in Nord-Äthiopien, die in Wahrheit eine brutale Assimilationspolitik sei.

Die Notwendigkeit, die jahrelang von Miriam Wiegele betreute Wiener Kontaktstelle zur deutschen Organisation nunmehr zu einer eigenständigen Gesellschaft zu machen, ergibt sich für die Politologin Charlotte Teuber schon aus der Praxis österreichischer Asylpolitik. Ihr seit 1956 fortbestehender Ruf sei im Schwinden, Österreich versteht sieh als Durchgangs- nicht aber als Aufnahmeland. So werden im Lager Traiskirchen für Flüchtlinge aus Entwicklungsländern nur Englisch-, nicht aber Deutschkurse abgehalten, damit sie tunlichst in die klassischen Aufnahmeländer weitergehen. In Traiskirchen leben Flüchtlinge oft jahrelang ohne die geringste Möglichkeit, Grundlagen für eine Berufsausübung oder ein Studium zu erwerben. Die österreichischen Medien schwimmen auf der post- und neokolonialistischen Welle: "Die Presse'* verteidige widerspruchslos die Apartheidpolitik als Verhinderung einer Proletarisierung der dortigen Gesellschaft. Das herrschende Klima zeige sich auch daran, daß es unmöglich war, einen einzigen Asylanten zu bewegen, zur Pressekonferenz mitzukommen, weil alle fürchteten, deswegen in ihrem Asylverfahren in Österreich und mit Behörden der Heimatländer in Schwierigkeiten zu geraten.

Bis zum Gründungstag hat die Gesellschaft 52 Mitglieder gewonnen, davon immerhin ca. 15 Vertreter bereits aktiver Gruppen, die sich der Anliegen von Kurden, Assyrern und Sahaouris annehmen, oder der in Uganda Verfolgten (Peter Jumba: "Unsere Basis wird dadurch breiter, obwohl wir schon bisher alle politischen Parteien über die mehreren hunderttausend Opfer des Obote-Terrors informiert haben, ausgenommen die FPÖ, deren rassistische Haltung uns bekannt ist; aber die Presse stellte sich taub.") und der südsudanesischen Befreiungsbewegung gegen das arabisch-islamische Numeiri-Regime. Die österreichisch-armenische Kulturvereinigung, die sich um die Erhaltung einer armenischen Identität bemüht, ist genauso Mitglied, wie der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas (AKIN). Der einzige in Österreich lebende Mapuche (indianische Urbevölkerung Chiles) war anwesend. Martin Kaneko berichtete über die Burakumin-Bewegung in Japan, von der bisher kaum etwas bekannt geworden ist. Sie setzt sich aus Angehörigen traditionell verachteter Berufe zusammen, die weiterhin in geschlossenen Wohnvierteln leben, ohne sich äußerlich in irgendeiner Weise von anderen Japanern zu unterscheiden. Dennoch haben sie neuerdings verstärkt unter einer Diskriminierung zu leiden, die so weit geht, daß große Konzerne ihre Adressen ausforschen lassen, um sicher zu gehen, daß keiner bei ihnen beschäftigt wird. Afghanische Interessen werden vom "Österreichischen Hilfskomitee für Afghanistan" (Flüchtlingshilfe in Pakistan) und vom "Sozialistischen Afghanistan-Komitee" (lnformationsarbeit) vertreten. In Österreich wird es in erster Linie um Roma-, Slowenen- und Kroatenprobleme geben. Als nächster Schritt sollen in der Schweiz und in Italien Länderorganisationen geschaffen werden.

Weder in der BRD noch hierzulande will die Gesellschaft staatliche Subventionen bekommen, damit die Unabhängigkeit gewahrt bleibt. Sie ist daher auf Mitgliedsbeiträge und Spenden und freiwillige Mitarbeit angewiesen (GfbV - 1170 Wien, Jörgerstraße 28, Journaldienst Mo-Mi 9 - 13, Do 14 - 17.30. PSK 7238-909)

Daß allein im "Handbuch der westeuropäischen Regionalbewegungen" (Hrsg. Jochen Blaschke, Syndikat, 1980) 44 vom Ethnozid bedrohte Minoritäten erfaßt sind, dokumentiert, daß es sich bei den Diskriminierungsmechanismen keineswegs primär um "fernliegende", periphere politische Fragestellungen handelt und es zeigt auch, wie schwer es solche Gruppen haben, sich international Gehör zu verschaffen.

 

 
oben
 
© Christian Reder 1985/2001