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Raimund Abraham: Rund um den Nullpunkt

Falter, Wien, Nr. 13/1986

Ein Falter-Gespräch mit Raimund Abraham (New York - Wien), anfang der sechziger Jahre mit Hans Hollein und Walter Pichler Mitbegründer des ‚Austrian Phenomen' einer neuen experimentellen Architektur und heute einer der führenden theoretischen Köpfe der Avantgarde für eine Architektur nach der Postmoderne. Der Anlaß: Seine Ausstellung ‚Stadtfragmente' im Otto Wagner-Archiv in Wien. Seine Gesprächspartner: Dietmar Steiner und Christian Reder, beide tätig an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien.

 

 

Steiner: Was uns ‚Hinterbliebene' immer interessiert: Warum weg aus Wien, warum solange New York, warum nicht zurück. warum nicht woanders hin?

Abraham: Das ist einfach zu beantworten. Ich fühlte mich plötzlich eingeengt, es gab da so einen Stillstand. Mein Studienkollege und zeitweiliger Arbeitspartner Friedrich St. Florian, der schon an der Rhode Island School of Design tätig war, hat mich dann, 1964, für eine kleine Ausstellung und ein Seminar eingeladen und dort hat man mir eben eine Professur angeboten und so bin ich geblieben. Zuerst war ich ein paar Monate in New York, dort habe ich Frederick Kiesler kennengelernt und er hat mir sein Atelier zur Verfügung gestellt, weil er krank war, und so habe ich zum ersten Mal diese Stadt erfahren. Das war wie eine Erlösung. Und in den zwanzig Jahren seither habe ich gelernt, wie der Abstand zur eigenen Kultur Sensibilitäten hervorruft, z.B. in Bezug auf die Muttersprache, die man ohne ihn nicht findet. Inzwischen hat sich New York wie jede andere internationale Stadt auch dem Innentourismus geopfert . Die Leute verlieren ihr Gesicht, die Stadt wird anonym. Da bleibt man eben mehr zu Hause. Jedenfalls, ich kann nirgendwo so gut arbeiten wie dort. Ich bin ja auch Österreicher geblieben und meine Arbeiten sind ja nicht amerikanisch.

Reder: 1963 ist Dein Buch ‚Elementare Architektur' erschienen (kurz nach Roland Rainers ‚Anonymes Bauen ini Burgenland' und vor Rudofskys ‚Architecture without Architects') und im selben Jahr ist mit Pichler das Gemeinschaftsprojekt des Landhauses bei Oggau entstanden, während wiederum Pichler und Hollein damals ihre wichtige Ausstellung ,Architektur' gemacht haben. Läßt sich, ausgehend von damaligen Gemeinsamkeiten, rückblickend Signifikantes zu den individuellen Entwicklungen seither sagen?

Abraham: Ich will mich auf Prinzipien, nicht auf Personen konzentrieren. Hollein war damals einflußreich, weil er gerade aus Amerika gekommen ist und in unsere Abgeschlossenheit internationale Gedanken gebracht hat. Damals überzeugte mich seine Position, daß Design ein Feind der Architektur sei; und von der hat er sich inzwischen wohl sehr deutlich gelöst. Mir hingegen ist es sogar immer wichtiger geworden, Design wirklich bloß als Werkzeug zu benutzen. Design ist Formgebung - indem man Form manipuliert. An Form bin ich aber nur interessiert, wenn sie aus einem Prozeß von Ereignissen zustandekommt, wenn sie nicht bloße Erscheinung bleibt, Kunst bezieht ja Konflikte ein, während Design, genauso wie Politik, Konflikte eliminieren will, im Dienste einer Verwendbarkeit. Mit Pichler teile ich weiterhin eine gemeinsame Sensibilität des Zeichnens, versuche allerdings, mich nicht im Detail oder an dem, was ich kann, zu ergötzen. Über so etwas denke ich, wie über Theorie, nicht nach. Ich versuche Probleme zu lösen.

Steiner: Die Antworten sind sehr oft zeichnerische, nicht gebaute Vorstellungen für ganz konkrete Aufgaben, an konkreten Orten in Venedig, Paris, New York oder Berlin. Da steckt doch ein Widerspruch drinnen.

Abraham: Nein. Es geht um Ideen. Die Idee ist dimensionslos und vom Moment an, wo sie bildhaft - also dimensional - wird, ist sie schon eine Lösung ist sie schon eine Übersetzung. Die Zeichnung ist autonom, nicht eine Vorstufe . Das Blatt Papier ist für mich der Ort und Architektur ist für mich Eingriff in den Ort. Heidegger hat darauf hingewiesen. daß es eben zwei Wurzeln von Design gibt: signum und seccare. Seccare heißt einschneiden, pflügen. Und architektonisches Zeichnen ist genau das. Ich bin mir in dem Sinn vollkommen bewusst, welches Papier ich verwende. Wenn ich mit einer harten Mine zeichne, dann ist da eben ein Schnitt. Man macht ein Tal in den Ort. Wenn ich mit einer weichen Mine zeichne, dann baue ich und mit Textur oder Farbtönen baue ich eine Landschaft auf. Für einen konkreten Bau allerdings, wie jetzt in Berlin, zeichne ich fast nichts, da konzentriere ich> mich auf Modelle.

Reder: In Wien zeichnen sich - um bei diesem wichtigen Wort zu bleiben - enorme städtebauliche Möglichkeiten ab, die Donauverbauung, die Gürtelfrage, der Messepalast; und die guten Leute werden sogar langsam in deren Nähe gelassen. Darin könnte man ja Hoffnungsschimmer sehen, vor der nächsten Ratlosigkeitsphase.

Abraham: Für eine kollektive Erneuerung sehe ich derzeit keinerlei Anzeichen. Alles ist in Händen von Technokraten, von Politikern wie seit jeher. Es gibt einfach nur sehr wenig wirklich architektonische Eingriffe. In Manhattan zählen für mich nur das Guggenheim-Museum und das Seagram-Building dazu; alles andere, einschließlich Chrysler- oder Empire State-Building ist für mich Indigenous Architecture ...

Reder: ... Gewohnheitsarchitektur?

Abraham:Ja, so könnte man das Übersetzen. Und zum Thema Hoffnung; sie ist ein untrennbar mit Verzweiflung verknüpftes philosophisches Problem, das in dieser Dualität die Menschheit von Beginn an begleitet. Wichtig wäre, daß jeder Einzelne ehrlich die Grenzen und Möglichkeiten der Sprache, die er spricht, erforscht. Und schon weil das nicht stattfindet, geht Städtebau mit Masterplan-Mentalität einfach nicht. Das ist völlig unmöglich. Aber man kann fragmentarisch bauen. Jedes Fragment hat seine eigene Ausstrahlung.

Steiner: Als Chance auf echte Überraschungen.

Abraham: Ich verachte Idealprogramme. Die Verhallensweisen des Menschen sind unbeschränkt. Für seine Bewegungsmöglichkeiten gibt es wohl Grenzen, aber auch die sind unbestimmt. Schon gar nicht gibt es optimale Verhaltensweisen, das wäre faschistisch. Programme, die man jetzt für Architektur formuliert, müßten also genauso poetisch sein, wie Architektur poetisch sein müßte. Ein Gedicht kann ein Programm sein.

Steiner: Dennoch, der Mensch als Bestandteil von Architektur?

Abraham: Ja, aber nicht passiv, nebensächlich. Sondern so wie in einem weißen Dorf in Griechenland, wenn eine schwarzgekleidete Frau vorbeigeht, dann ist das ein Ereignis. Genauso, wie wenn eine Person über den leeren Markusplatz geht. Oder sehen wir uns eine Violine an, als wunderschönes Objekt. Wenn man nicht weiß, wofür es ist, dann dominiert seine Ästhetik. Jeder Musiker aber würde sofort Töne spüren, die man mit diesem Instrument spielen kann. Da gibt es unendlich viele.

Reder: Die Sprache der Moderne in der Architektur kommt da nur in den allerseltensten Fällen mit.

Abraham: Es kommt da - auch bei mir - zum Zusammenprall der Idealsprache des Geometrischen mit der begrenzten Sprache des Physiologischen. Peter Kubelka hat mich schon früh auf Ernst Mach aufmerksam gemacht, auf die ‚Analyse der Empfindungen', auf ‚Erkenntnis. und Irrtum', was mich sehr stark beeinflusst hat. Im Artikel über Geometrie und Raum sagt er eben, daß architektonischer Raum nur verständlich wird, wenn man ihn als Polarität zwischen einem unendlichen geometrischen und einem begrenzten physiologischen Raum versteht. Für mich hat Geometrie selber keine Erinnerung. Ein Würfel bleibt immer ein Würfel. Nur wenn er dann ein Steinwürfel wird oder ein Stahlwürfel, so fängt es an, dann wird er Wirklichkeit. Wenn man ihn sich hohl und geschlossen vorstellt, schwarz, fast biblisch, wie die noch dunkle Welt, da könnte man wirklich ein Loch in den Würfel machen und würde das Fenster wieder erfinden. Aber ein Fenster nur für das Licht. Und ein anderes Loch könnte das Fenster für das Auge sein und ein weiteres die Öffnung für den Körper.

Reder: ‚Elementare Architektur' also, wie sie von Dir schon seinerzeit in Wien gefordert worden ist?

Abraham: Mein Buch über die anonymen Holzbauten ist ja interessanter Weise parallel zu meinen ersten sogenannten visionären Projekten entstanden. Später ist es mir dann wie eine ‚Blut und Boden'-Geschichte vorgekommen, bis mir bewußt wurde, daß es sehr wohl architektonische Wurzeln behandelt, die in der sogenannten zeitgenössischen Architektur verlorengegangen sind, obwohl sie ein entscheidendes Element der Moderne sind, die ja anfangs nicht nur Vergangenes, sondern die jeweilige Sprache selber in Frage gestellt hat. Die Reduktion eines Mies van der Rolle, eines Malewitsch, eines Webern waren ja Fragestellungen, wie weit man Sprache zum Nichts, zum Nullpunkt führen kann - und auch jetzt müßte man, um zu erneuern, zum Nullpunkt zurückkehren. Darum hat die Moderne für mich noch gar nicht angefangen. Diese sogenannte postmoderne Phase hat etwas Lächerliches, weil da künstlich ein Entwicklungsschritt kreiert wird, ohne daß man bedenkt, daß sich die Moderne aus einem Zusammenbruch der sozialen Systeme, der Revolution, der Technik heraus formiert hat, also aus einem Klima, in dem die Reduktion zur Notwendigkeit wurde. Mies ist ja auch der einzig moderne Architekt, der die Griechen verstanden hat, der gesehen hat, daß ihr zweitausendjähriger Einfluß auf uns von der Reduktion herkommt, vom Prototyp des Tempels etwa, wo im kleinsten Element die Gesamtstruktur des Bauwerkes enthalten ist.

Steiner: An der amerikanischen Architektur sehen wir doch sehr signifikant, daß davon keine Rede mehr ist, daß es bloß noch um Wahrnehmung geht und um eine Indienstnahme der Architektur für den Markt, für die großen Gesellschaften, für die Politik.

Abraham: Wahrnehmung ist Illusion. Ihr muß die Authentizität des Künstlers entgegenstehen, der als einziger die Macht hat, authentisch zu sein. Maurice Blanchot, der einzige französische Literat, der mich derzeit als Philosoph und Theoretiker interessiert und der völlig zurückgezogen lebt, untersucht die angesprochene Reduzierbarkeit zu einem Nullpunkt sehr genau. Es gibt für ihn nur einen Punkt, den wir alle erreichen wollen, der aber nie erreichbar ist. Das ist eine Sehnsucht, das Kreative eben, und die muß man haben. In der amerikanischen Situation hingegen ist, wenn wir von Architektur reden, alles total manipuliert und zwar von einem Mann, von Philip Johnson, dessen Nazi-Vergangenheit in Berlin ja kein Geheimnis ist und der schon seit damals die Postmoderne konsequent vorbereitet hat. In seinem Buch ‚International Style' (1932) ist die Moderne, die ja Stile eliminiert hatte, das erste Mal verraten worden, um das Postmoderne zu rechtfertigen. Dem muß man George Kublers ‚Shape of Time' (das deutsch ‚Umriß - nicht Formen - der Zeit' heißen sollte) gegenüberstellen, das für mich wesentlichste historische Buch der letzten Jahrzehnte, eine Kritik von Geschichte, in der es z. B. über den Stil heißt, er sei wie ein Regenbogen, der verschwindet, wenn man glaubt, ihm nahegekommen zu sein.

Reder: Die Manipulationssysteme bezüglich Architektur und Kritik werden hierzulande auf provinzieller Ebene schlicht kopiert. Wieso kann das eigentlich so primitiv funktionieren?

Abraham: Jede politische Bewegung ist letztenendes primitiv, weil sie philosophische Grundsätze verneinen muß. Der Populismus der Postmoderne ist signifikant fürs amerikanische Leben und genauso. für faschistische Tendenzen. Selbst Venturi ist ganz planmäßig mißverstanden worden.

Steiner: Und jetzt muß sein enger Kontakt zu Louis Khan für Rettungsversuche herhalten.

Abraham: Es geht ihnen langsam die Luft aus. Khan schätze ich übrigens mit Mies am höchsten ein, weil sie beide den Mut hatten, wirklich zu reduzieren, während Wright oder Corbusier doch immer eher ihre Genialität ausgespielt haben. So wie Wittgenstein gesagt hat ‚Logic takes care of itself' hat Lou Khan gesagt ‚don't worry about architecture, architecture takes care of itself'; man muß also nur so klar als möglich formulieren. Dennoch: Politik will ja Versöhnung, will ein System das läuft, will also Kunst eliminieren. In Amerika ist das jetzt gelungen durch Geld. In der triumphalen Phase des Kapitalismus ist Kunst eliminiert und zwar in der raffiniertesten Form, weil man die Gegner nicht mehr kennt. Da waren die Bücherverbrennungen ja noch ein klarer Akt der Gegnerschaft. Das Furchtbare jetzt ist, daß es keine Kritik mehr gibt . Alles wird unkritisch hingenommen, man wird gelobt, erwähnt oder ausgelassen, ganz nach dem Prinzip der Diplomatie.

Steiner: Kunst wird eliminiert und die Architektur kehrt als politische Veranstaltung zurück?

Abraham: Ja.

Reder.' Wie kann da von Hochschulen aus eingegriffen werden, nach Deinen Erfahrungen in Rhode Island und während der letzten Jahre an der Cooper Union in New York? Die hiesigen Positionen sind ja durchaus hochrangig besetzt, und dennoch ... .?

Abraham: Es gibt da schon sehr wichtige Unterschiede im System. In Amerika haben wir längst nicht mehr diese starren Hierarchien, bei den Lehrern gibt es bloß verschiedene akademische Grade und beim Unterrichten sind alle gleichwertig. In Europa gibt es kaum pädagogische Architekturschulen, es dominiert die professionelle Ausrichtung. Da werden gleich professionelle Aufgaben angegangen, bevor die Studenten zu denken lernen, bevor es zu einer engagierten Auseinandersetzung über Grundsätzliches kommt. Ich glaube in Amerika wird intensiver unterrichtet, es gibt wunderbare Werkstätten, der Student wird in seiner Entwicklung sehr vielfältig unterstützt. Das Klima ist offener, Hochschulen sind Bastionen des Widerstandes und zugleich kontemplative Orte, an denen Geduld geübt wird in einem sehr engen Kontakt untereinander. Während hierzulande das System schon ziemlich korrupt ist, mit seinen Hierarchien und nur selten auftauchenden Professoren und irgendwelchen obskuren Assistenten, die die tägliche Arbeit machen.

Reder: Eine konsequente Ausrichtung auf Projekte und Projektstudien, die ja keineswegs zwingend banal professionalisierend ablaufen müssen, würde doch eine derartige Konzentration der Kräfte begünstigen, herausfordern?

Abraham: Intensität - auch der Unterstützung - beim Durchdenken und Ausarbeiten von Ideen ist sicher das, um was es primär gehen sollte ...

Steiner: ... und - allein zum Trotz? - um Architektur als Kunst, um Kunst als Fragment?

Abraham: Die extremste Form von Kritik war immer die Kunst, weil eben nur dort dieser Versuch möglich ist, den Nullpunkt zu erreichen - nirgendwo anders.

 

Raimund Abraham
geb. 1933 in Lienz, Architekturstudium an der TU Graz, frühe Wohnbauten in Wien, Oberwart und Salzburg, gleichzeitig entstehen die ersten visionären Projekte (in engem Kontakt mit Walter Pichler, Haus Hollein, Friedrich St. Florian, u. a.), 1963 erscheint ‚Elementare Architektur'; 1964 Übersiedlung in die USA, zuerst als Professor an der Rhode Island School of Design in Providence, nach 1970 in New York mit eigenem Architektur- und Design-Studio und als Professor an der Cooper Union. Zahlreiche Ausstellungen, z. B. im Museum of Modern Art, New York, im Moderna Museet Stockholm, auf den Triennalen in Mailand, den Architektur-Biennalen in Venedig und im Juni '86 nach der einzigen bisherigen Wiener Ausstellung (Galerie Kalb 1973) wieder in Wien (Otto Wagner-Archiv). Nach vielen Projekten, Erfolgen in internationalen Wettbewerben, temporären Installationen und kleineren Bauten entsteht derzeit im Rahmen der Internationalen Bauausstellung in Berlin wieder ein Wohngebäude. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt weiterhin in der Präzisierung künstlerisch-theoretischer Positionen.
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© Dietmar Steiner 1986 & Christian Reder 1986/2001