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Afghanistan
Von jedem Regime verfolgt
Gespräch mit Professor Ali Mohammad Zahma, bis zu seiner im Herbst `85 gelungenen Flucht Mitglied der Leitung der Akademie der Wissenschaften in Kabul

Falter, Wien, Nr. 7/1986

Einer der profiliertesten afghanischen Intellektuellen lebt seit Herbst in Wien, in der kleinen Brigittenauer Wohnung seiner schon vor fünf Jahren geflohenen Tochter. Für dieses Falter-Gespräch war er erstmals zu öffentlichen Aussagen bereit. Die Fragen stellten Alfred Janata und Christian Reder vom "Österreichischen Hilfskomitee für Afghanistan".

 

 

Besprechen wir zuerst die wichtigsten Etappen Ihres Lebensweges, der doch sehr eng mit der politischen Entwicklung in Afghanistan verknüpft ist, Über solche Biographien ist ja bei uns kaum etwas bekannt.

Geboren bin ich in Kandahar und als Zehnjähriger kam ich dann nach Kabul. Ich bin ein Hazara...

...also ein Angehöriger einer Minorität...

... ja, und in Kabul habe ich schließlich Literaturwissenschaft studiert, war dann zwei Jahre im Unterrichtsministerium tätig und bin anschließend mit einem Regierungsstipendium nach England geschickt worden. Das war im Jahr 1951. Ich habe dort an meiner Dissertation über die mongolische Invasion von Herat und den Widerstand der lokalen Bevölkerung gearbeitet, und zwar an der School of Oriental and African Studies. Nach meiner Rückkehr war ich in Kabul bis 1972 Hochschullehrer an der Literaturwissenschaftlichen Fakultät. Vorn damaligen Premierminister Musa Shafiq bin ich dann aufgefordert worden, an der Universität Peking zu lehren. Das war noch zu Maos Zeiten. 1974 kam ich nach Kabul zurück. Im Jahr davor hatte Daud mit Unterstützung der derzeit herrschenden KP-Fraktion der Partschami den König gestürzt und die Republik ausgerufen. Man hat mich nicht mehr an die Universität zurückgelassen, und zwar ohne jede Begründung. Für viereinhalb Jahre war ich arbeitslos, durfte. nicht in meinem Beruf tätig sein. Dann kam Tarakis Staatsstreich, die sogenannte "April-Revolution" von 1978, und im Jahr darauf steckten sie mich ins Gefängnis. Ich wurde schwer gefoltert, bekam Elektroschocks. Jetzt noch spüre Ich die Folgen in meinen Beinen und friere selbst in heißen Sommern. Sie haben mir zwei Lendenwirbel gebrochen, sie haben mir die Zähne eingeschlagen und nach zwei Wochen Terrorverhör und Schlafentzug in der Geheimdienstzentrale haben sie mich ins berüchtigte Pul-i-Tscharchi Gefängnis in den Block 2 gebracht. Dort war ich ohne Prozeß und Verurteilung für zehneinhalb Monate. Die Situation war fürchterlich: nur elendes, stinkendes Essen, nur schmutziges Wasser. Die meisten Gefangenen waren krank. Während ich dort inhaftiert war, ist Taraki von Amin getötet worden und der wiederum wurde bekanntlich im Zuge des sowjetischen Einmarsches - der Babrak Karmal an die Macht brachte - Ende 1979 umgebracht. In unserem Block sind dann alle Gefangenen, darunter auch ich, freigelassen worden.

Wie hat sich angesichts der Verfolgung vor, noch brutaler jedoch nach 1978 Ihre eigene politische Einstellung entwickelt, wie sehen Sie das jetzt, rückblickend?

Schon seit den 60er Jahren gab es an der Universitär Kabul unter den Lehrern eine Gruppierung, die sich für eine offene politische Diskussion einsetzte. Die Polizei ist aber stets sehr brutal gegen jeden solchen Versuch vorgegangen, ist in die Universität eingedrungen, hat wild geprügelt. Oft war auf den Gängen überall Blut. Und so haben wir ein gegen die damalige Regierung gerichtetes Komitee gegründet, unter dem Namen "Shora", und die Aktivitäten so gut es ging fortgesetzt. Ich war Präsident dieses Komitees und habe in dieser Funktion auch unsere Aufrufe unterschrieben. Der damalige Premierminister Nur Ahmad Etemadi hat uns übers Radio immer mit der Verhaftung gedroht, weil wir einen Umsturz planen würden. Es war ein schwieriger politischer Kampf unter ständigem Druck. Und dann begannen auch noch die beiden Flügel der Kommunisten - die Chalki ("Das Volk") und die Partschami ("Die Fahne") - mit den Versuchen, unser Komitee zu unterwandern. Wir haben uns jedoch immer strikt dagegen gewehrt, von irgendeiner organisierten politischen Partei abhängig zu werden. Am ehesten könnte man uns als eine intellektuelle Bürgerrechtsbewegung bezeichnen.

Es liegt aber doch auch recht nahe, diese damaligen, auf Reform oder Revolution ausgerichteten Gruppierungen links im traditionellen Spektrum einzuordnen.

Es hat auch rechte Gruppen gegeben, speziell Gulbuddin, der jetzt zu den Fundamentalisten im Widerstand gehört. Das waren Terrorgruppen, die ihre Gegner reihenweise umgebracht haben. Wir hingegen verstanden uns als progressive Intellektuelle, die für politische Freiheiten und gegen jede fremde Einmischung in unsere nationalen Angelegenheiten aufgetreten sind. Die Rechten und speziell die Ultrarechten haben so eine Person wie mich natürlich immer einen Linken, einen Kommunisten geschimpft.

Als Folge der Sowjetintervention sind Sie und viele andere vorerst einmal aus dem Gefängnis frei gekommen. Wie ging es dann weiter?

Ich war sehr krank und geschwächt und mußte gleich ins Spital. Im Jänner 1980 habe ich im Fernsehen gesprochen, und nicht einmal enge Freunde erkannten mich gleich, so verändert war ich. Den Journalisten habe ich damals öffentlich geantwortet, daß ich bei keiner Partei bin und auch mit keiner sympathisiere. Nach einer längeren Spitalsbehandlung wurde ich von den Partschami an die Akademie der Wissenschaften in Kabul geschickt, einen höheren Posten hatte ich abgelehnt. Ich bekam den Rang eines Wissenschaftlichen Beraters und gehörte damit zur Leitung dieser Institution. Ich mußte auch in die Einheitsgewerkschaft, in die "Vaterländische Front" und in die Loya Djirga (die eingesetzte Nationalversammlung); viel mehr als meinen Namen haben sie allerdings nicht bekommen. Man wollte mich eben als Reklamefigur verwenden, weil ich bei den Studenten und auch sonst sehr beliebt wir. Nur deswegen habe ich einen gewissen Schutz genossen. Sie konnten und wollten nicht schon wieder brutal mit mir umgehen. Mißtraut haben sie mir jedoch ständig. So mußte ich z.B. in einer Fernsehübertragung neben Babrak Karmal sitzen und so tun, als ob ich dazugehörte, während zwei meiner Töchter im Gefängnis saßen, weil sie auf ihrer Flucht gefasst worden waren. Dieser ständige psychische Druck, die Erpressung mit Sippenhaft, hat mich mehr verletzt als die schweren Folterungen früher. Es war also klar, daß ich fort mußte, sobald meine Frau und die fünf Kinder in Sicherheit sind. Einem ebenfalls kurz inhaftierten Sohn und der ältesten Tochter war es schon gelungen, unter schwierigsten Umständen nach Pakistan zu fliehen. Die beiden anderen Töchter, damals gerade 17, 18 Jahre alt, schafften es beim zweiten Mal. Sie haben dann in den vom "Österreichischen Hilfskomitee für Afghanistan"betreuten Lagern gearbeitet und sind schließlich mit dessen Hilfe nach Österreich gekommen, um studieren zu können. Meine Frau und der zweite Sohn sind seit letztem Jahr in Pakistan. Mir ging es während der ganzen Zeit gesundheitlich sehr schlecht. Ich konnte kaum noch gehen, nur mit Stöcken und unter großen Schmerzen, alles noch Folgen meiner Zeit im Gefängnis. Die Diabetes wurde immer schlimmer, ich stand unter ständiger Bewachung, aber schließlich erklärte man sich bereit, mich für eine medizinische Spezialbehandlung in ein sozialistisches Land ausreisen zu lassen. Das tschechoslowakische Gesundheitsministerium lehnte meine Aufnahme ab, weil es kein freies Bett gäbe. Ungarn akzeptierte dann das Ansuchen, und ich war zweieinhalb Monate im Laszló-Krankenhaus in Budapest. Während dieser Zeit ist mein Schwiegersohn, auch Afghane, mehrmals aus Wien gekommen und wir haben besprochen, wie ich nach Österreich gelangen könnte. Die Kontrollen durch unsere Botschaft sind nachlässiger geworden, und am vorausgeplanten Tag bin ich ohne jedes Gepäck zum Flughafen. Die Grenzbeamten haben zwar ziemlich irritiert geschaut. Wegen des Diplomatenpasses, den ich aufgrund meiner Funktion an der Akademie habe, ging letztlich jedoch alles glatt und eine Stunde später war ich in Wien.

Und wie waren die ersten Erfahrungen als hochrangiger politischer Flüchtling: gab es Probleme mit den österreichischen Behörden?

Nicht so direkt. Mein Paß liegt jetzt seit Monaten bei der Polizei, aber noch immer ohne Ergebnis. Es schaut so aus, als ob da Intrigen und gezielte Desinformationen mitspielen.

Bekommen Sie irgendeine Unterstützung als Flüchtling?

Seit Mitte Jänner erhalte ich vom Sozialamt 3.000.- S. pro Monat und die Sozialversicherung; aber befristet bis Ende März.

Gehen wir noch genauer auf die Phase vor Ihrer Flucht im Dezember 1985 ein. Sie ist ja ein vorläufiger Schlusspunkt nach Jahren der Verfolgung als unabhängiger, sich nicht einordnender Intellektueller.

Die Situation in Kabul stützt sich auf drei Pfeiler: Auf Hauptworte, auf Zeitworte und bloß auf Worte. Das Zeitwort, als aktivstes Element eines Satzes, sind die Russen. Das Hauptwort sind die Partschami und alles andere sind nebensächliche Wörter. Das gegenwärtige Regime ist also nur ein Schleier über den aggressiven sowjetischen Absichten, über ihrem wirklichen Gesicht. Alle wichtigen Entscheidungen liegen in den Händen russischer Berater. Sie können machen was sie wollen. Der Chad - die Geheimpolizei - wird völlig von ihnen kontrolliert. Das Verteidigungsministerium ist total in ihrer Hand. Was zu geschehen hat, muß immer von den sowjetischen Stellen erlaubt werden. Allen Behörden sind spezielle Komitees beigeordnet, die sie Basiskomitees der Partei nennen, und deren Vertreter sitzen überall herum und beobachten, was vor sich geht und was gesprochen wird. Und der Geheimdienst Chad ist überall. Er hat ja auch mein Haus Tag und Nacht bewacht.

Ihre Situation muß also eine sehr gespaltene gewesen sein, eingebunden in das System der Karmal-Anhänger, in die Gefahren einer Kollaboration, in die Gefahren einer passiven oder aktiven Widerstandshaltung.

Natürlich gibt es Karmal-Anhänger. Unsere Kreise haben die aber nie unterstützt. Und die vielen anderen mussten ja ruhig bleiben. Ein einziges Wort gegen die Regierung genügte, um ins Gefängnis zu kommen. Und man weiß ja, wie viele Leute in die Regierungsarmee gepresst worden sind. Man weiß aber auch, dass sie reihenweise jede Gelegenheit nutzten, um zum Widerstand überzulaufen. In der Praxis ist das jedoch keineswegs eine einfache Sache. Da gibt es Ängste um Familienangehörige und um das eigene Leben und so bleiben viele still, anscheinend neutral. Es hat aber auch die Generäle gegeben, die alle wichtigen Informationen sofort der Gegenseite, an die Mujahedin von Masud im Pandschir-Tal weitergegeben haben. Inzwischen sind jedoch die Mujahedin und die Gruppierungen in Pakistan längst dicht von Geheimdienstagenten durchsetzt und jede solche Kooperation ist daher lebensgefährlich. Allerdings haben auch die Mujahedin schon ihre Leute im Chad, das weiß ich, das spürt man.

Ihr Bericht bestätigt, was sonst wenig Beachtung findet, nämlich die seit Jahren andauernde Verfolgung und Ausrottung der kritischen Intelligenz des Landes mit allen ihren noch lange spürbar bleibenden Folgen. Diese Kräfte sind immer zwischen die Fronten geraten, sei es zu Zeiten Dauds, Tarakis oder Amins, sei es in den aufreibenden Kämpfen zwischen dem Chalki- und dem Parchami-Flügel der Regierungsseite, sei es in den Konflikten zwischen den Widerstandsgruppen unterschiedlichster Ausrichtung. Es gibt ja keineswegs nur fundamentalistische, reaktionäre Mujahedin. Wie sehen Sie heute die am Lehen gebliebenen Kräfte, die eine künftige politische Entwicklung mittragen könnten?

Unglücklicherweise haben sich ja gleich zu Beginn viele Angehörige der Intelligenz ins Ausland abgesetzt, in die Bundesrepublik, nach Frankreich, nach Amerika. Und es stimmt, sehr sehr viele sind im Lande selbst getötet worden. Man muß aber auch sehen, daß es nicht jedem möglich ist, in die Berge zu gehen und Mujahedin zu werden. Viele halten das ja physisch gar nicht aus. Und so ist die Lage eben sehr gespalten, zersplittert. Alle sind geschwächt. Ich setze daher große Hoffnungen auf die Afghanen im Ausland. Unter ihnen sind ja sehr viele hochqualifizierte Leute. Für deklarierte Linke wird es fast unmöglich sein, Volksvertreter an einen Tisch zu bringen, eine Volksregierung zu bilden. Deshalb sehe ich in unabhängigen Leuten mit der entsprechenden Kompetenz eine Chance.

Und Ihre Meinung zu den von Pakistan aus agierenden Exilparteien, die unserer Beobachtung nach nicht gerade als konstruktive, ein künftiges Afghanistan verkörpernde Kräfte angesehen werden können?

Ich möchte mich jetzt nicht auf einzelne der dortigen Politiker einlassen. Eines erscheint mir jedoch als sicher: Niemand, der nach einem Abzug der Sowjets die politische Arena zu dominieren versucht, wird das Volk für sich gewinnen können. Es ist zuviel passiert, als daß es von irgendwem noch eine Rettung erwarten würde. Ahmad Shah Masud, der nicht im Exil, sondern immer im Land gekämpft hat, wird sicher eine große Rolle spielen, aber auch nur, wenn er sich mit anderen Gruppierungen zusammenschließt.

Inzwischen sind ja Begriffe wie "Sozialismus" oder sogar "Demokratie" verfemt, und mit ihnen revolutionäre oder aktiv reformerische Strömungen, weil mit dieser Terminologie so massiv Mißbrauch getrieben worden ist. Alle versprengten, zwischen die Fronten geratenen Kräfte. die sich innerlich weiter auf sie berufen, müssen sich hinter unverfänglichen Begriffen verstecken. Wie kann unter diesen Umständen den aggressiven reaktionären Bestrebungen etwas entgegengesetzt werden, soferne sich die UdSSR zurückzieht?

Sicher. die Exilparteien in Peshawar werden in der Lage sein, eine Zeitlang eine aktive Rolle in einer künftigen afghanischen Politik zu spielen. Und das gesamte Spektrum linker Ideen ist wegen der konkreten Erfahrungen äußerst unpopulär geworden. 99 Prozent oder mehr lehnen sie ab. Als gemeinsame Plattform kann daher nur ein demokratisches. national unabhängiges Regierungssystem dienen, das auf afghanische Traditionen aufgebaut ist.

Hauptfaktor afghanischer Traditionen ist der Islam.

Der Islam muß eine wichtige Rolle spielen, genauso wie die anderen positiven historischen Traditionen. Es ist unmöglich, dazu nein zu sagen. Nur die Situation religiösen Kampfes, wie wir sie im Iran oder in Beirut haben, die wird es in Afghanistan - so hoffe ich sehr - nicht geben. Wir haben einen anderen kulturellen Hintergrund und wir haben die Erfahrung des jahrelangen Krieges, die Erfahrung mit einer ausländischen Aggression. Ich sehe keine andere Chance als eine demokratische Regierung aus vielen Kräften.

Die ethnischen Konflikte untereinander und die Autonomiebestrebungen gegenüber den Zentralstallen in Kabul sowie die Dominanz der Pashtunen waren immer signifikante Momente afghanischer Politik. Jetzt sind alle diese Gruppen schwer bewaffnet und es könnten -nach einem Abzug der Sowjets - die alten Konflikte in einem direkten Kampf untereinander ausgetragen werden, bevor sich eine hinreichende Stabilisierung erreichen lässt?

Sicher, auch derartiges ist eine Realität. Es hängt eben alles sehr davon ab, wie rasch es gelingt, eine adäquate Regierung zu bilden, die ausgleichend wirken und die Erfahrung mit der Unterdrückung für einen stärkeren Zusammenhalt nutzen kann. Ich bin aber überzeugt, daß lokale Anführer, die sich gegen eine neue unabhängige Regierung stellen, sehr rasch ihre Anhänger verlieren würden. Die große Masse der so hart Betroffenen will sich endlich wieder friedlich ihrer Alltagsarbeit und dem Wiederaufbau widmen.

Die "Fortschrittlichen" westlicher Länder - seien es linke Gruppen, Sozialdemokraten oder was immer - haben während der ganzen Kriegsjahre (wenn auch eher schamhaft versteckt) immer Schwierigkeiten gehabt, die sonst meist so schnell gefundene Position zu beziehen. "Contras" zu unterstützen paßt nicht ins Schema und die vielen, unter dem Druck der Fundamentalisten stiller agierenden Widerstandsgruppen sind gleichsam übersehen worden. Amerikanische Aktivitäten und CIA-Machinationen schienen vieles klar zu machen. Unterdessen geht sogar die Vorstellung davon verloren, wie ein künftiger Weg für ein extrem armes, sozial kompliziert strukturiertes Agrarland wie Afghanistan aussehen könnte. Ein langsames, die Traditionen nicht zu schroff brüskierendes, vorsichtig reformistisches Vorgehen ohne Technologiegläubigkeit - das ist es noch am ehesten, was die Diskussion manchmal wieder zusammenführt. Aus dem internationalen Kräftespiel, mit Weltmarkt, Weltbank usw., das so wenig Positives in diesen Fragen bewirkt, kommt auch ein unabhängiges Afghanistan nicht heraus.

Die politisch-ökonomischen Strukturen für die Wiederaufbauphase lassen sich nicht im voraus formulieren. Der erste Schritt muß eine demokratische Regierung sein. von der sich die Mehrheit des Volkes vertreten fühlt. Sie ist dann verantwortlich für die Maßnahmen und die Offenheit der Diskussion über Entwicklungsvarianten. Selbst wenn alles langsam vorangeht. wird sie auf die Zustimmung im Volk bauen können. Zuerst muß das alles jedoch endlich wirklich greifbar werden.

Ginge Ihre Kompromissbereitschaft auf diesem Weg soweit, dass sie sich eine Koalitionsregierung aus Vertretern der jetzigen Machthaber - die, so die Gerüchte, bald nicht mehr von Karmal, sondern vom Geheimdienstchef Nadjib angeführt werden sollen -, Unabhängigen und Widerstandsrepräsentanten vorstellen können?

Sofern sich die Russen zurückziehen, könnte das durchaus ein erster Schritt sein. Eine solche Koalition kann jedoch nicht lange halten. Freie Wahlen werden sofort zeigen, dass der konzentrierte Haß des Volkes auf alle diese Agenten einer ausländischen Macht die zentrale Erfahrung der Afghanen aus diesem Krieg sind.

 

Ali Mohammad Zahma;
geboren 1928 in Kandahar. Professor für Literatur und afghanische Geschichte Lehrtätigkeit an der Universität Kabul (1955-1972) und in Peking (1972-1974). l974-1978 Lehrverbot. 1979 eineinhalb Monate Mitglied der Akademie der Wissenschaften, dann zehneinhalb Monate Gefängnis; seit Mitte 1980 Mitglied der Leitung der Akademie der Wissenschaften in Kabul, im September 1985 Flucht über Ungarn nach Wien. Publikationen: 48 eigene wissenschaftliche Arbeiten und Übersetzungen, deren Manuskripte in Kabul zurückgelassen werden mußten; nur fünf davon konnten bisher in Druck (in Farsi) erscheinen: "Literaturgeschichte Afghanistans vom Beginn dem Islams ])im zur Invasion der Mongolen", Kabul 1951; "Eine politische Geschichte Zentralasiens". Kabul 1960; "Soziale und philosophische Essays", Kabul 1962; "Die Qarakhitay und die Chorezmshah", Kabul 1969; "Die Geschichte der Zivilisation", Teheran 1970.

 

dazu:

 


"Die Afghanen ernten die Folgen der Vernachlässigung"
Ali M. Zahma, Professor aus Kabul, über Zukunftsperspektiven.

 

Standard, Wien, 24./25. November 2001

von Gudrun Harrer
 
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